Schlafstörungen in der Psychosomatik: Wie schlechter Schlaf und Psyche zusammenhängen

Interview mit Dr. med. Steffen Escherich zum Thema Schlafstörungen bei psychischen Erkrankungen

24.07.2026

LESEZEIT: 20 MINUTEN

KATEGORIE: INTERVIEW, SCHLAFSTÖRUNGEN, PSYCHISCHE GESUNDHEIT

AUTOR:INNEN: DR. MED. STEFFEN ESCHERICH UND MAREIKE PENDEROCK

In der Psychosomatik wird Schlaf als zentrale Grundlage für körperliche und psychische Gesundheit verstanden. Die Schlafqualität beeinflusst unter anderem die Emotionsregulation, Stressverarbeitung, Konzentrationsfähigkeit, das Immunsystem und zahlreiche Stoffwechselprozesse. Gleichzeitig können psychische Belastungen, chronischer Stress, Grübeln oder Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Traumafolgestörungen den Schlaf erheblich beeinträchtigen. So entsteht häufig ein wechselseitiger Zusammenhang, bei dem sich Schlafstörungen und psychische Beschwerden gegenseitig verstärken.

Im Gezeiten Haus werden Schlafstörungen deshalb nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren betrachtet. Vor diesem Hintergrund hat Dr. med. Steffen Escherich, Oberarzt im Gezeiten Haus Bonn, ein spezifisches Zusatzangebot bei Schlafstörungen entwickelt. Im Interview erklärt er, welche Ursachen hinter Ein- und Durchschlafproblemen stecken können und warum eine sorgfältige Diagnostik entscheidend ist. Außerdem zeigt er, welche Rolle die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie spielt und wie Betroffene wieder Vertrauen in ihre natürliche Schlafregulation entwickeln können.

Einstieg & Bedeutung von Schlafstörungen

Herr Dr. Escherich, warum ist Schlaf aus medizinischer Sicht so zentral für unsere psychische und körperliche Gesundheit?

Escherich: Aus psychosomatischer Sicht ist Schlaf deshalb so bedeutsam, weil er eine zentrale Schnittstelle zwischen Körper und Psyche darstellt. Kaum ein biologischer Prozess reagiert so sensibel auf psychische Belastungen wie unser Schlaf. Umgekehrt beeinflusst die Schlafqualität nahezu alle psychischen Funktionen, angefangen bei Aufmerksamkeit und Konzentration über die Emotionsregulation bis hin zur Stressverarbeitung und sozialen Interaktion.

Schlaf ist außerdem keine passive Ruhephase, sondern eine aktive biologische Regenerationsleistung. Während des Schlafes laufen zahlreiche Prozesse ab, die wir tagsüber gar nicht wahrnehmen. Erinnerungen werden konsolidiert, emotionale Erlebnisse verarbeitet, Stoffwechselprodukte aus dem Gehirn werden über das sogenannte glymphatische System abtransportiert und zahlreiche hormonelle sowie immunologische Regulationsmechanismen werden neu justiert. Gleichzeitig finden wichtige Anpassungsprozesse im Herz-Kreislauf-System und im Stoffwechsel statt.

Mittlerweile wissen wir aus zahlreichen prospektiven Studien, dass chronische Schlafstörungen nicht nur Begleiterscheinungen anderer Erkrankungen sind, sondern eigenständige Risikofaktoren darstellen. So erhöht eine anhaltende Insomnie beispielsweise das Risiko für Depressionen, Angststörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2 sowie kognitive Einschränkungen im höheren Lebensalter. Deshalb betrachten wir Schlaf heute auch nicht mehr als Luxus oder „Erholungszeit“, sondern als eine tragende Säule der Gesundheit – vergleichbar mit Ernährung oder Bewegung. Wenn Schlaf dauerhaft gestört ist, gerät häufig das gesamte biopsychosoziale Gleichgewicht ins Wanken.


Ab wann spricht man eigentlich von einer behandlungsbedürftigen Schlafstörung?

Escherich: Viele Menschen schlafen gelegentlich schlecht und das gehört zum Leben dazu. Prüfungen, beruflicher Stress oder belastende Lebensereignisse können vorübergehend zu einigen unruhigen Nächten führen. Das ist zunächst eine normale Reaktion unseres Organismus. Von einer behandlungsbedürftigen Schlafstörung sprechen wir jedoch dann, wenn die Beschwerden regelmäßig auftreten, über einen längeren Zeitraum bestehen und vor allem zu einer relevanten Beeinträchtigung am Tage führen.

Bei der chronischen Insomnie orientieren wir uns heute an internationalen Klassifikationssystemen wie der ICSD-3 und den aktuellen Leitlinien. Typischerweise bestehen Schwierigkeiten beim Ein- oder Durchschlafen oder ein zu frühes Erwachen mindestens drei Nächte pro Woche über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten. Entscheidend ist jedoch nicht allein die Schlafdauer, sondern die Konsequenzen: Müdigkeit, Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, verminderte Leistungsfähigkeit, Reizbarkeit oder emotionale Instabilität.

Eine gute Schlafmedizin beginnt dabei immer mit einer strukturierten Diagnostik. In unserer Klinik im Gezeiten Haus Bonn umfasst diese neben einer ausführlichen Schlafanamnese standardisierte Fragebögen, Schlafprotokolle und – wenn Hinweise auf eine organische Ursache bestehen – auch eine kardiorespiratorische Polygraphie. Erst wenn wir verstehen, warum jemand schlecht schläft, können wir gezielt behandeln. Ich finde folgenden Satz sehr hilfreich: „Schlechter Schlaf ist ein Symptom – keine Diagnose“. Unsere Aufgabe besteht also darin, die zugrundeliegende Ursache zu identifizieren.


Wie häufig treten Schlafstörungen im Zusammenhang mit psychosomatischen Erkrankungen auf?

Escherich: Die kurze Antwort lautet: sehr häufig. Wenn wir Menschen behandeln, die an Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen, somatoformen Beschwerden oder chronischen Schmerzsyndromen leiden, gehören Schlafstörungen fast schon zum klinischen Alltag. Je nach Erkrankung berichten etwa 60 bis 90% der Betroffenen über relevante Schlafprobleme.

Früher galt die Schlafstörung überwiegend als Begleitsymptom der psychischen Erkrankung. Heute wissen wir, dass sie häufig eine eigenständige Störung darstellt und den Verlauf psychischer Erkrankungen wesentlich beeinflusst. Eine chronische Insomnie erhöht beispielsweise das Risiko, erstmals an einer Depression zu erkranken. Gleichzeitig verschlechtert sie bei bereits bestehenden psychischen Erkrankungen häufig die Prognose, verlängert Krankheitsverläufe und erhöht das Rückfallrisiko nach erfolgreicher Behandlung.

In der psychosomatischen Medizin sehen wir deshalb Schlaf nicht als Nebenschauplatz. Häufig ist er sogar einer der zentralen therapeutischen Angriffspunkte. Wenn es gelingt, den Schlaf nachhaltig zu stabilisieren, verbessert sich oftmals nicht nur die nächtliche Erholung, sondern auch die emotionale Belastbarkeit, die Schmerzverarbeitung, die Stressregulation und letztlich die Lebensqualität insgesamt.


Schlaf & Psyche

Wie hängen Schlafstörungen und psychische Erkrankungen zusammen?

Escherich: Ich glaube, einer der größten Fortschritte der letzten Jahre besteht darin, dass wir Schlafstörungen heute nicht mehr lediglich als Symptom psychischer Erkrankungen verstehen. Vielmehr wissen wir inzwischen, dass die Beziehung in beide Richtungen verläuft. Wir sprechen also von einem bidirektionalen Zusammenhang. Und fast jede psychische Erkrankung beeinflusst den Schlaf. Gleichzeitig verändert chronisch schlechter Schlaf aber auch die Funktion unseres Gehirns in einer Weise, die psychische Erkrankungen begünstigen oder verstärken kann.

Neurobiologisch lässt sich das gut erklären. Schlaf ist entscheidend für die Regulation emotionaler Netzwerke im Gehirn. Während des Schlafs, insbesondere während des REM-Schlafes, werden emotionale Erfahrungen verarbeitet und gewissermaßen „neu eingeordnet“. Bleibt dieser Prozess aus, reagieren limbische Strukturen wie die Amygdala deutlich empfindlicher auf emotionale Reize, während die regulierende Kontrolle durch präfrontale Hirnareale nachlässt. Die Folge ist eine gesteigerte emotionale Reaktivität, mehr Grübeln, erhöhte Stressanfälligkeit und eine verminderte Fähigkeit, belastende Situationen angemessen zu bewältigen. Das erklärt auch, warum Schlafmangel häufig nicht nur müde macht, sondern Menschen emotional verletzlicher werden lässt.

In der klinischen Praxis bedeutet das: Wenn wir psychische Erkrankungen erfolgreich behandeln möchten, dürfen wir den Schlaf niemals außer Acht lassen. Umgekehrt verbessert sich der Schlaf oft nicht allein dadurch, dass beispielsweise depressive Symptome zurückgehen. Deshalb sollte die Schlafstörung, sofern sie eigenständig fortbesteht, gezielt diagnostiziert und behandelt werden.


Welche Rolle spielt Schlaf bei der Entstehung und Aufrechterhaltung psychosomatischer Erkrankungen?

Escherich: Aus meiner Sicht eine zentrale. Chronisch schlechter Schlaf führt zu einer dauerhaften Aktivierung verschiedener Stresssysteme. Die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse bleibt aktiviert, die sympathische Aktivität steigt an, Entzündungsmediatoren nehmen zu und regenerative Prozesse werden eingeschränkt.

Parallel dazu verändern sich psychologische Prozesse. Die Frustrationstoleranz sinkt, Sorgen nehmen zu, negative Gedanken werden dominanter und emotionale Belastungen können schlechter verarbeitet werden. Das erklärt auch, weshalb wir bei chronischen Schmerzsyndromen, funktionellen Körperbeschwerden, Fibromyalgie, Reizdarmsyndrom oder weiteren somatoformen Störungen so häufig gleichzeitig ausgeprägte Schlafprobleme beobachten. Man könnte sagen: Schlaf ist der biologische Boden, auf dem psychische Stabilität wachsen kann. Wird dieser Boden dauerhaft instabil, verlieren viele Regulationsmechanismen ihre Balance.


Warum haben Schlafstörungen einen so großen Einfluss auf unsere Emotionen?

Escherich: Hier greifen mehrere Mechanismen ineinander. Der erste Mechanismus ist das sogenannte Hyperarousal. Viele Menschen mit chronischer Insomnie befinden sich auch nachts in einem Zustand erhöhter körperlicher und geistiger Aktivierung. Das Gehirn findet nicht ausreichend in den Schlafmodus, obwohl die Betroffenen erschöpft sind. Herzfrequenz, Stoffwechselaktivität und kortikale Erregung bleiben erhöht, als wäre der Organismus ständig in Alarmbereitschaft.

Der zweite Mechanismus betrifft die Kognition. Wer über längere Zeit schlecht schläft, entwickelt häufig eine starke Fokussierung auf den Schlaf. Gedanken wie „Ich muss jetzt unbedingt schlafen, sonst funktioniere ich morgen nicht.“ oder „Schon wieder liege ich wach.“ erzeugen zusätzlichen Leistungsdruck. Paradoxerweise ist Schlaf aber gerade keine Leistung, die sich erzwingen lässt.

Der dritte Mechanismus betrifft die Emotionen. Schlafmangel reduziert unsere Fähigkeit, Gefühle angemessen zu regulieren. Negative Emotionen werden intensiver erlebt, positive Erfahrungen verlieren an Gewicht. Viele Betroffene beschreiben, dass sie bereits auf kleine Belastungen ungewöhnlich gereizt oder überfordert reagieren.

Und schließlich verändern sich auch Verhaltensweisen. Menschen ziehen sich zurück, treiben weniger Sport, verzichten auf soziale Aktivitäten oder greifen zu Alkohol, Cannabis oder Schlafmitteln. Diese Strategien mögen kurzfristig entlasten, verschlechtern langfristig jedoch häufig sowohl den Schlaf als auch die psychische Gesundheit.

Genau an dieser Stelle setzt die moderne kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie an. Sie durchbricht diesen Kreislauf nicht nur über schlafbezogene Verhaltensänderungen, sondern auch über den Umgang mit Gedanken, Erwartungen und Emotionen rund um den Schlaf. Das ist einer der Gründe, weshalb die CBT-I heute international als Therapie der ersten Wahl bei chronischer Insomnie gilt, unabhängig davon, ob zusätzlich eine psychische Erkrankung vorliegt.


Was kommt Ihrer Erfahrung nach häufiger vor: Entstehen Schlafprobleme als Folge psychischer Belastungen – oder umgekehrt?

Escherich: Die ehrliche Antwort lautet: Beides kommt vor und häufig entwickelt sich daraus ein regelrechter Teufelskreis. Natürlich erleben wir im Alltag oft, dass Menschen nach belastenden Ereignissen zunächst schlechter schlafen. Das kann ein Konflikt in der Partnerschaft sein, beruflicher Druck, eine Erkrankung oder auch eine Trauerreaktion. Das ist zunächst eine normale Stressreaktion unseres Organismus.

Problematisch wird es aber dann, wenn diese vorübergehende Schlafstörung bestehen bleibt. Viele Betroffene beginnen, sich zunehmend Sorgen um ihren Schlaf zu machen. Sie gehen früher ins Bett, bleiben länger liegen, schlafen tagsüber oder entwickeln regelrechte Kontrollrituale. Genau diese gut gemeinten Strategien stabilisieren häufig die Insomnie.

Umgekehrt zeigen prospektive Langzeitstudien sehr eindrucksvoll, dass chronische Insomnien das Risiko für spätere Depressionen, Angststörungen und sogar Suizidalität deutlich erhöhen können. Schlafstörungen gehen psychischen Erkrankungen nicht selten Monate oder sogar Jahre voraus. Ich erkläre das meinen Patient:innen häufig so: Am Anfang ist schlechter Schlaf oft eine Folge von Stress. Mit der Zeit entwickelt der Schlaf jedoch eine Eigendynamik. Irgendwann schläft der Mensch nicht mehr schlecht, weil er belastet ist, sondern er ist zunehmend belastet, weil er schlecht schläft. Genau deshalb ist eine frühe Behandlung so wichtig.


Ursachen & Mechanismen von Schlafstörungen

Welche Rolle spielen Stress und anhaltende innere Anspannung für die Schlafqualität?

Escherich: Schlaf setzt physiologisch voraus, dass die Aktivität unserer sogenannten Arousal-Systeme abnimmt. Das Gehirn muss gewissermaßen vom „Arbeitsmodus“ in den „Regenerationsmodus“ wechseln. Chronischer Stress verhindert allerdings genau diesen Übergang.

Neurobiologisch sehen wir dabei eine anhaltende Aktivierung des sympathischen Nervensystems sowie der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse. Stresshormone wie Cortisol und Katecholamine bleiben erhöht, Herzfrequenz und Stoffwechselaktivität sinken nachts weniger stark ab, und auch die elektrische Aktivität des Gehirns bleibt erhöht. In der Schlafmedizin sprechen wir deshalb häufig vom Hyperarousal-Modell der chronischen Insomnie.

Interessanterweise berichten viele Patient:innen: „Ich bin todmüde, aber sobald ich ins Bett gehe, bin ich plötzlich hellwach.“ Das ist kein Widerspruch, sondern beschreibt genau dieses Phänomen. Der Körper ist erschöpft, das Gehirn jedoch bleibt in Alarmbereitschaft. Hinzu kommt, dass Stress unsere Aufmerksamkeit verändert. Menschen beginnen, ihren Schlaf zu beobachten, jede schlechte Nacht zu bewerten und zunehmend Angst vor der nächsten Nacht zu entwickeln. Dadurch entsteht ein zweiter Stressor, nämlich der Schlaf selbst.

Deshalb behandeln wir in der modernen Verhaltenstherapie nicht nur den Stress, sondern auch die schlafbezogenen Denk- und Verhaltensmuster, die sich im Verlauf entwickeln.


Was passiert im Körper und Gehirn, wenn wir dauerhaft schlecht schlafen?

Escherich: Die Auswirkungen chronischen Schlafmangels gehen weit über Müdigkeit hinaus. Tatsächlich betrifft Schlaf nahezu jedes Organsystem. Im Gehirn beobachten wir zunächst Veränderungen der Aufmerksamkeit, der Arbeitsgedächtnisleistung und der exekutiven Funktionen. Entscheidungen fallen schwerer, Fehler nehmen zu, die Konzentrationsfähigkeit sinkt. Besonders interessant ist aber die emotionale Ebene. Studien zeigen, dass bereits nach einer Nacht mit reduziertem Schlaf die Amygdala deutlich stärker auf emotionale Reize reagiert, während die regulierende Kontrolle durch präfrontale Hirnareale abnimmt. Vereinfacht gesagt: Wir reagieren impulsiver, empfindlicher und emotional weniger ausgeglichen.

Auch das Immunsystem verändert sich. Chronisch schlechter Schlaf geht mit einer niedriggradigen systemischen Entzündungsaktivität einher. Verschiedene proinflammatorische Zytokine sind erhöht, was möglicherweise erklärt, weshalb Schlafmangel langfristig mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2 und anderen chronischen Erkrankungen assoziiert ist.

Hinzu kommen hormonelle Veränderungen. Das Gleichgewicht zwischen Ghrelin und Leptin verschiebt sich und wir verspüren mehr Hunger, insbesondere auf hochkalorische Lebensmittel. Gleichzeitig nimmt die Insulinsensitivität ab. Das erklärt, weshalb chronischer Schlafmangel auch metabolische Erkrankungen begünstigen kann.

Ein weiterer Aspekt, der zunehmend wissenschaftlich untersucht wird, betrifft das glymphatische System. Während des Schlafes werden Stoffwechselprodukte aus dem Gehirn effizienter entfernt als im Wachzustand. Dieser Mechanismus könnte langfristig auch für neurodegenerative Erkrankungen von Bedeutung sein, wenngleich viele Zusammenhänge hier noch Gegenstand intensiver Forschung sind.


Warum beginnt das Gedankenkarussell oft genau dann, wenn wir schlafen möchten?

Escherich: Das ist wahrscheinlich einer der häufigsten Mechanismen, welchen wir in der Behandlung erleben. Viele Menschen kennen das: Tagsüber funktioniert man erstaunlich gut. Doch sobald äußere Reize wegfallen und man im Bett liegt, wird es plötzlich still und genau dann beginnt das Gedankenkarussell. Psychologisch betrachtet übernimmt das Bett zunehmend die Funktion eines Ortes des Grübelns. Gedanken über den Beruf, die Familie, gesundheitliche Sorgen oder auch die eigene Schlaflosigkeit treten in den Vordergrund. Das Gehirn bleibt aktiv, obwohl der Körper eigentlich schlafen möchte.

Dabei entsteht häufig ein paradoxes Phänomen. Je mehr jemand versucht, das Grübeln zu unterdrücken oder den Schlaf zu erzwingen, desto stärker werden beide. Dieses Prinzip kennen wir aus der experimentellen Psychologie sehr gut. Der Versuch, bestimmte Gedanken nicht zu denken, führt häufig dazu, dass sie sich noch stärker aufdrängen. Genau deshalb arbeiten wir in der kognitiven Verhaltenstherapie nicht gegen Gedanken an, sondern verändern den Umgang mit ihnen. Wir helfen Patientinnen und Patienten, Grübelprozesse frühzeitig zu erkennen, ihre Aufmerksamkeit flexibler zu steuern und die nächtliche Wachzeit nicht mehr als Bedrohung zu erleben.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die sogenannte kognitive Hypervigilanz. Viele Betroffene entwickeln im Laufe der Erkrankung eine übermäßige Aufmerksamkeit für jede Form von Müdigkeit oder Schlaflosigkeit. Jede Uhrzeit wird kontrolliert, jede Nacht bewertet, jeder vermeintliche Fehler analysiert. Dadurch entsteht ein enormer Leistungsdruck. Ich sage häufig: Schlaf funktioniert ähnlich wie Vertrauen oder Gelassenheit. Je mehr wir versuchen, ihn zu kontrollieren, desto weiter entfernt er sich.

Deshalb besteht ein wichtiger Teil der Therapie bei Schlafstörungen paradoxerweise darin, wieder Vertrauen in die natürliche Schlafregulation zu entwickeln. Unser Gehirn hat grundsätzlich die Fähigkeit zu schlafen und wir müssen häufig eher lernen, ihm dabei nicht im Weg zu stehen. Und: Die meisten Menschen leiden irgendwann nicht mehr nur unter Schlaflosigkeit – sie leiden unter der Angst vor der nächsten schlaflosen Nacht. Genau an diesem Punkt verändert sich die Erkrankung. Aus einer ursprünglich verständlichen Reaktion auf Stress entsteht eine eigenständige Störung, die sich durch Sorgen, Kontrollverhalten und Anspannung selbst aufrechterhält. Das zu erkennen, ist oft der erste entscheidende Schritt in Richtung einer nachhaltigen Besserung.


Warum kann der Druck, „gut schlafen zu müssen“, das Problem sogar verstärken?

Escherich: Schlaf gehört zu den wenigen biologischen Prozessen, die gerade dann am besten funktionieren, wenn wir sie nicht kontrollieren. Viele Menschen erleben zunächst einige schlechte Nächte, vielleicht nach Stress, einer Erkrankung oder einer belastenden Lebensphase. Das ist völlig normal. Dann beginnt jedoch häufig etwas Neues. Plötzlich kreisen die Gedanken um den Schlaf: „Hoffentlich klappt es heute Nacht.”, Ich muss unbedingt acht Stunden schlafen.” oder auch Wenn ich morgen wieder müde bin, schaffe ich den Arbeitstag nicht.”

Diese Gedanken sind verständlich. Sie aktivieren jedoch genau jene Hirnnetzwerke, die für Wachheit, Aufmerksamkeit und Gefahrenbewertung zuständig sind. Mit anderen Worten: Der Organismus bleibt im Alarmmodus. Wir sprechen hier von psychophysiologischer Insomnie beziehungsweise von einem konditionierten Hyperarousal. Das Bett wird im Laufe der Zeit nicht mehr mit Erholung verbunden, sondern mit Anspannung, Grübeln und Erwartungsangst.

Das ist vergleichbar mit einer Prüfungssituation. Wer sich ständig sagt: „Ich darf auf keinen Fall nervös sein.“, wird meist noch nervöser. Deshalb verfolgen wir in der CBT-I einen anderen Ansatz. Wir versuchen nicht, Schlaf zu erzwingen. Stattdessen reduzieren wir den Leistungsdruck und stärken das Vertrauen in die natürliche Schlafregulation. Schlaf ist also kein Leistungssport. Je mehr wir ihn bewerten, kontrollieren und optimieren wollen, desto größer wird häufig die Distanz zu einem natürlichen, spontanen Schlaf.

Ich habe in den vergangenen Jahren den Eindruck gewonnen, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, die Gesundheit zunehmend messbar machen möchte. Schritte, Herzfrequenz, Kalorien, Sauerstoffsättigung und inzwischen eben auch Schlaf. Das kann hilfreich sein. Gleichzeitig birgt es die Gefahr, dass wir das Vertrauen in unsere eigene Körperwahrnehmung verlieren. Gesunder Schlaf entsteht nicht dadurch, dass wir ihn perfekt überwachen, sondern dadurch, dass wir unserem biologischen Schlafsystem wieder erlauben, seine Arbeit zu machen. 


Formen von Schlafstörungen

Welche Arten von Schlafstörungen begegnen Ihnen besonders häufig im Klinikalltag?

Escherich: Wenn Menschen an Schlafstörungen denken, meinen sie automatisch Einschlafprobleme. Tatsächlich ist das Spektrum deutlich breiter. Mit Abstand am häufigsten behandeln wir die chronische Insomnie. Dabei handelt es sich um Schwierigkeiten beim Ein- oder Durchschlafen oder um ein zu frühes Erwachen, verbunden mit einer relevanten Einschränkung am Tag. Wichtig ist dabei: Die Insomnie ist heute eine eigenständige Erkrankung und nicht lediglich ein Symptom anderer Störungen.

Daneben sehen wir in einer psychosomatischen Klinik auch häufig schlafbezogene Atmungsstörungen, insbesondere das obstruktive Schlafapnoe-Syndrom (OSAS). Patient:innen berichten dann oft primär über Erschöpfung, Konzentrationsprobleme oder depressive Symptome und bringen diese zunächst gar nicht mit ihrem Schlaf in Verbindung. Deshalb gehört für mich eine strukturierte schlafmedizinische Diagnostik selbstverständlich zur psychosomatischen Abklärung. Wenn Anamnese und Fragebögen entsprechende Hinweise ergeben, führen wir ergänzend eine kardiorespiratorische Polygraphie durch. Nicht selten entdecken wir dadurch bislang unerkannte schlafbezogene Atmungsstörungen, deren Behandlung die Lebensqualität erheblich verbessern kann.

Ebenso begegnen uns Restless-Legs-Syndrome, die insbesondere das Einschlafen erheblich erschweren können. Viele Betroffene beschreiben einen kaum auszuhaltenden Bewegungsdrang der Beine, der paradoxerweise gerade in Ruhe zunimmt. Ein weiterer Bereich sind zirkadiane Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen. Gerade Schichtarbeit, flexible Arbeitszeiten oder ein ausgeprägter Abendtyp können dazu führen, dass Menschen zwar ausreichend schlafen, aber zu biologisch ungünstigen Zeiten. Das wird häufig mit einer Insomnie verwechselt.

Und schließlich sehen wir natürlich zahlreiche Schlafstörungen im Zusammenhang mit Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen, chronischen Schmerzen oder funktionellen Körperbeschwerden. Gerade hier ist es wichtig, sorgfältig zu differenzieren, welche Schlafstörung tatsächlich vorliegt. Denn nur dann können wir gezielt behandeln. Ich erlebe immer wieder, dass bereits eine strukturierte Schlafanamnese den diagnostischen Blick verändert. Nicht jede Müdigkeit ist eine Depression und nicht jede Schlafstörung ist eine Insomnie.


Gibt es einen Unterschied zwischen Schlafstörungen bei Depressionen im Vergleich zu Angststörungen oder Traumafolgestörungen?

Escherich: Ja, die gibt es. Und diese Unterschiede können diagnostisch sehr hilfreich sein. Bei Depressionen beobachten wir häufig ein charakteristisches Muster aus frühem Erwachen, fragmentiertem Schlaf und einer deutlich verminderten Erholung. Viele Patientinnen und Patienten berichten, bereits mehrere Stunden vor dem Wecker aufzuwachen und dann nicht mehr einschlafen zu können. Hinzu kommen Veränderungen der Schlafarchitektur, etwa eine verkürzte REM-Latenz und eine erhöhte REM-Dichte. Diese Befunde sind wissenschaftlich gut beschrieben, spielen im klinischen Alltag jedoch eher eine untergeordnete Rolle, da wir sie ohne Polysomnographie nicht direkt erfassen.

Bei Angststörungen steht dagegen häufig die erhöhte Anspannung im Vordergrund. Das Einschlafen fällt schwer, weil Sorgen, Grübeln oder körperliche Symptome wie Herzklopfen oder innere Unruhe dominieren. Viele Betroffene schlafen zunächst gar nicht schlecht aufgrund fehlender Müdigkeit, sondern weil ihr Nervensystem schlicht nicht ausreichend herunterreguliert.

Bei Traumafolgestörungen beobachten wir wiederum ein anderes Bild. Hier stehen häufig Albträume, wiederkehrendes nächtliches Erwachen sowie eine ausgeprägte nächtliche Hypervigilanz im Vordergrund. Manche Patient:innen schlafen regelrecht „mit angezogener Handbremse“. Das Gehirn bleibt in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit, weil es unbewusst weiterhin Gefahr erwartet. Diese Unterschiede zeigen sehr schön, dass Schlafstörungen nicht einfach Begleiterscheinungen sind. Sie spiegeln vielmehr unterschiedliche neurobiologische und psychologische Mechanismen wider.


Welche Rolle spielen Albträume oder nächtliche Unruhe bei traumabezogenen Erkrankungen?

Escherich: Eine sehr große. Albträume sind bei Traumafolgestörungen mehr als unangenehme Träume. Sie gehören häufig zum Kern der Erkrankung und können den Schlaf massiv beeinträchtigen. Viele Menschen stellen sich vor, dass Betroffene einfach schlecht träumen. Tatsächlich aber erleben viele Patient:innen traumatische Situationen im Traum immer wieder, teilweise nahezu unverändert, teilweise in symbolischer Form. Die Folge sind häufiges Erwachen, ausgeprägte vegetative Aktivierung mit Herzrasen oder Schwitzen und die verständliche Angst, überhaupt wieder einzuschlafen.

Hinzu kommt ein zweiter Mechanismus: Viele Betroffene entwickeln Vermeidungsverhalten. Sie gehen bewusst später ins Bett, schlafen bei eingeschaltetem Licht oder Fernseher oder versuchen, Schlaf möglichst lange hinauszuzögern, um Albträume zu vermeiden. Kurzfristig erscheint das nachvollziehbar, langfristig verschlechtert es den Schlaf jedoch zusätzlich.

Aus neurobiologischer Sicht gehen wir davon aus, dass die normale emotionale Verarbeitung belastender Erinnerungen während des Schlafs gestört ist. Traumatische Gedächtnisinhalte bleiben gewissermaßen unverarbeitet und werden immer wieder aktiviert. Deshalb behandeln wir Albträume heute auch gezielt und dabei meine ich nicht ausschließlich medikamentös. Sehr gute Evidenz besteht beispielsweise für die Imagery Rehearsal Therapy (IRT), bei der belastende Trauminhalte tagsüber aktiv umgeschrieben und wiederholt eingeübt werden. Auch andere traumafokussierte Psychotherapien führen häufig zu einer deutlichen Verbesserung der Schlafqualität.


Welchen Leidensdruck verursachen Schlafstörungen bei Betroffenen?

Escherich: Aus meiner Erfahrung wird der Leidensdruck chronischer Schlafstörungen häufig unterschätzt, manchmal sogar von medizinischem Fachpersonal. Viele Menschen denken zunächst an Müdigkeit. Tatsächlich berichten die meisten Betroffenen jedoch über etwas ganz anderes: Sie fühlen sich nicht mehr wie sie selbst.

Sie erleben Konzentrationsstörungen, emotionale Reizbarkeit, Gedächtnisprobleme, verminderte Belastbarkeit und häufig auch das Gefühl, den Alltag nur noch mit großer Anstrengung bewältigen zu können. Viele ziehen sich sozial zurück, reduzieren Freizeitaktivitäten oder verlieren das Vertrauen in ihren eigenen Körper.

Besonders belastend ist die Unvorhersehbarkeit. Niemand weiß am Abend, wie die kommende Nacht verlaufen wird. Dadurch entwickelt sich häufig eine permanente Anspannung bereits viele Stunden vor dem Schlafengehen. Hinzu kommt, dass chronische Insomnien häufig über Jahre bestehen. Viele Betroffene haben bereits zahlreiche Hausmittel, Nahrungsergänzungsmittel oder Medikamente ausprobiert und das Vertrauen verloren, überhaupt wieder normal schlafen zu können.

Genau deshalb ist es so wichtig, Hoffnung zu vermitteln. Die gute Nachricht lautet: Chronische Insomnien sind in den allermeisten Fällen behandelbar. Entscheidend ist jedoch, dass wir nicht ausschließlich versuchen, den Schlaf zu verlängern, sondern die Mechanismen verstehen, die ihn dauerhaft aufrechterhalten. Genau hier setzt die moderne Schlafmedizin an, evidenzbasiert, differenziert und mit einer Kombination aus sorgfältiger Diagnostik und wirksamen psychotherapeutischen Verfahren.


Schlafstörungen & Auswirkungen im Alltag


Wie beeinflusst schlechter Schlaf die Stressregulation und Belastbarkeit im Alltag?

Escherich: Schlaf ist gewissermaßen unser wichtigster biologischer Puffer gegenüber Stress. Tagsüber sind wir permanent mit Reizen konfrontiert: Termine, Verantwortung, soziale Interaktionen, Konflikte oder unerwartete Ereignisse. Erholsamer Schlaf sorgt dafür, dass unser Nervensystem diese Belastungen verarbeiten und sich über Nacht wieder stabilisieren kann. Fehlt dieser Regenerationsprozess allerdings, verändert sich unsere Stressreaktion grundlegend. Das autonome Nervensystem bleibt stärker aktiviert, die Stresshormonregulation wird dysfunktionaler und emotionale Reize werden intensiver wahrgenommen.

Viele Betroffene berichten dann, dass sie dieselben Situationen, die früher problemlos zu bewältigen waren, plötzlich als überwältigend erleben. Nicht weil sie schwächer geworden wären, sondern weil ihnen ihre wichtigste Regenerationsquelle fehlt.

Besonders spannend finde ich, dass Schlafmangel auch die sogenannte Resilienz beeinflusst. Menschen mit ausreichendem Schlaf können nach Belastungen schneller in einen emotional ausgeglichenen Zustand zurückkehren. Chronischer Schlafmangel verlängert dagegen die Dauer negativer emotionaler Reaktionen erheblich. Ich erkläre das manchmal mit einem Bild: Schlaf wirkt wie ein Stoßdämpfer. Die Unebenheiten des Alltags verschwinden dadurch nicht, aber sie treffen den Organismus deutlich weniger hart.


Welche Auswirkungen sehen Sie im beruflichen Kontext, zum Beispiel auf Konzentration oder Entscheidungsfähigkeit?

Escherich: Gerade im Berufsleben werden die Folgen häufig besonders deutlich. Viele Patient:innen berichten zunächst gar nicht über Müdigkeit, sondern darüber, dass sie sich schlechter konzentrieren können, häufiger Fehler machen oder deutlich länger für Aufgaben benötigen, die früher selbstverständlich waren. Besonders betroffen sind Tätigkeiten mit hoher kognitiver Beanspruchung. Planung, Priorisierung, komplexe Entscheidungen oder kreatives Problemlösen setzen eine gut funktionierende präfrontale Hirnaktivität voraus, genau diese leidet jedoch besonders unter chronischem Schlafmangel.

Hinzu kommt ein Aspekt, der in der Arbeitswelt oft unterschätzt wird: Schlafmangel verändert auch unser Sozialverhalten. Menschen reagieren gereizter, missverstehen häufiger nonverbale Signale, zeigen weniger Empathie und erleben zwischenmenschliche Konflikte intensiver. Das kann sich erheblich auf Teamarbeit und Führungsverhalten auswirken.

Internationale Studien zeigen zudem, dass chronische Insomnien mit einer erhöhten Zahl an Krankheitstagen, verminderter Produktivität und sogenannten Präsentismus-Effekten verbunden sind. Das bedeutet: Viele Menschen erscheinen zwar zur Arbeit, können ihr eigentliches Leistungsniveau jedoch nicht mehr erreichen. Gerade bei sicherheitsrelevanten Berufen, etwa im Gesundheitswesen, im Transportwesen oder in technischen Berufen, gewinnt dieses Thema zusätzlich an Bedeutung. Chronischer Schlafmangel beeinträchtigt Reaktionsgeschwindigkeit und Urteilsvermögen in einem Ausmaß, das durchaus mit einer relevanten Alkoholisierung vergleichbar sein kann.

Deshalb ist guter Schlaf auch kein individuelles Luxusproblem. Er ist auch ein wesentlicher Faktor für Patientensicherheit, Arbeitssicherheit und gesellschaftliche Leistungsfähigkeit.


Welche Rolle spielt der Missbrauch von Substanzen wie Alkohol, Cannabis oder Hypnotika als dysfunktionale Lösungsstrategien?

Escherich: Das erleben wir leider häufig. Aus Sicht der Betroffenen ist das Verhalten zunächst völlig nachvollziehbar. Wer über Wochen oder Monate kaum schläft, sucht verständlicherweise nach einer schnellen Lösung. Alkohol, Cannabis oder Schlafmittel scheinen zunächst genau das zu bieten: Sie erleichtern häufig das Einschlafen.

Das Problem ist jedoch, dass wir zwischen Sedierung und physiologischem Schlaf unterscheiden müssen. Das ist keineswegs dasselbe. Nehmen wir Alkohol als Beispiel. Alkohol verkürzt tatsächlich häufig die Einschlaflatenz – gleichzeitig fragmentiert er jedoch den Schlaf in der zweiten Nachthälfte, unterdrückt den REM-Schlaf, verstärkt Schnarchen und verschlechtert schlafbezogene Atmungsstörungen erheblich. Viele Menschen schlafen also scheinbar schneller ein, die Schlafqualität nimmt jedoch deutlich ab.

Ähnliches gilt für Cannabis. Manche Patient:innen berichten kurzfristig über eine subjektive Verbesserung des Schlafs. Die wissenschaftliche Evidenz zeigt jedoch kein überzeugendes Bild für eine langfristige Behandlung der chronischen Insomnie. Hinzu kommen Toleranzentwicklung, mögliche Abhängigkeit, Rebound-Insomnien nach Absetzen sowie potenzielle Auswirkungen auf Kognition und psychische Gesundheit.

Auch bei Benzodiazepinen und sogenannten Z-Substanzen müssen wir sehr sorgfältig abwägen. Diese Medikamente können in klar definierten Situationen sinnvoll sein, etwa bei akuten Krisen oder vorübergehenden schweren Schlafstörungen. Für die langfristige Behandlung chronischer Insomnien sind sie aufgrund von Toleranzentwicklung, Abhängigkeitsrisiko, Sturzgefahr im höheren Lebensalter und kognitiven Nebenwirkungen jedoch ausdrücklich nicht die Therapie der ersten Wahl.

Ich versuche meinen Patient:innen deshalb häufig Folgendes zu vermitteln: Das eigentliche Ziel ist nicht, Menschen künstlich zu sedieren. Unser Ziel ist es, die natürliche Schlafregulation wiederherzustellen. Genau darin liegt der entscheidende Unterschied zwischen symptomatischer und kausaler Therapie.

Und vielleicht noch ein Gedanke, der mir persönlich sehr wichtig ist: Wer zu Alkohol oder Schlafmitteln greift, macht das in den seltensten Fällen aus Leichtsinn. Meist steckt dahinter ein hoher Leidensdruck und der verständliche Wunsch nach Erholung. Unsere Aufgabe besteht deshalb nicht darin, diese Menschen zu verurteilen, sondern ihnen wirksamere und nachhaltigere Wege aufzuzeigen.


Therapeutischer Ansatz bei Schlafstörungen

Wie werden Schlafstörungen im Rahmen einer psychosomatischen Behandlung ganzheitlich betrachtet?

Escherich: Ich glaube, genau hier liegt eine der großen Stärken der psychosomatischen Medizin. Wir betrachten Schlafstörungen nicht isoliert, sondern immer im Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren. Das entspricht auch dem heutigen Verständnis der chronischen Insomnie als Erkrankung, die durch das Zusammenwirken prädisponierender, auslösender und aufrechterhaltender Faktoren entsteht, ein Konzept, das als 3-P-Modell nach Spielman bekannt ist. Deshalb beginnt die Behandlung bei uns niemals mit der Frage: „Welches Schlafmittel hilft?“, sondern mit der Frage: „Warum schläft dieser Mensch schlecht?

Dazu gehört zunächst eine sorgfältige Diagnostik. Wir erfassen Schlafgewohnheiten, Tagesmüdigkeit, den zirkadianen Rhythmus, psychische Belastungen, Medikamenteneinnahmen, körperliche Erkrankungen und mögliche schlafmedizinische Differenzialdiagnosen. Standardisierte Fragebögen, Schlafprotokolle und bei entsprechender Indikation eine kardiorespiratorische Polygraphie helfen uns dabei, organische Ursachen wie eine obstruktive Schlafapnoe nicht zu übersehen.

Erst danach entwickeln wir gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten ein individuelles Behandlungskonzept. Dabei geht es nicht ausschließlich um den Schlaf selbst. Häufig arbeiten wir gleichzeitig an Stressregulation, Emotionsregulation, depressiven oder ängstlichen Symptomen, Schmerzbewältigung, Tagesstruktur oder belastenden Lebenssituationen.


Welche Rolle spielt die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (CBT-I)?

Escherich: Eine ganz zentrale. Die CBT-I ist heute international die empfohlene Erstlinientherapie der chronischen Insomnie und zwar unabhängig vom Alter der Betroffenen oder davon, ob zusätzlich beispielsweise eine Depression, Angststörung oder chronische Schmerzen vorliegen. Das ist vielen Menschen gar nicht bewusst. Sie vermuten häufig, Verhaltenstherapie bedeute vor allem Gespräche über Stress. Tatsächlich ist die CBT-I eine hoch strukturierte, evidenzbasierte Behandlung mit klar definierten therapeutischen Bausteinen.

Dazu gehören unter anderem:

  • die Stimuluskontrolle, bei der das Bett wieder ausschließlich mit Schlaf statt mit Grübeln oder Wachliegen verknüpft wird,
  • die Schlafkompression beziehungsweise in bestimmten Fällen die klassische Schlafrestriktion, wodurch die Schlafeffizienz verbessert wird,
  • kognitive Interventionen, die dysfunktionale Überzeugungen über Schlaf verändern,
  • Maßnahmen zur Stabilisierung des Schlaf-Wach-Rhythmus,
  • der gezielte Umgang mit nächtlichem Grübeln sowie
  • Entspannungs- und Achtsamkeitsverfahren.

Bemerkenswert ist, dass die Wirksamkeit der CBT-I inzwischen in einer Vielzahl hochwertiger randomisierter Studien und Metaanalysen belegt wurde. Sie verbessert nicht nur die Schlafqualität, sondern reduziert häufig auch depressive Symptome, Angst, Fatigue und die Lebensqualität nachhaltig. Ein weiterer Vorteil ist die Langzeitwirkung. Während Medikamente oft nur solange wirken, wie sie eingenommen werden, vermittelt die CBT-I Kompetenzen, die Patient:innen dauerhaft nutzen können.


Was können Patient:innen konkret in der Therapie lernen, um ihren Schlaf nachhaltig zu verbessern?

Escherich: Viele Betroffene erwarten zunächst Tipps zur Schlafhygiene. Tatsächlich lernen sie jedoch viel mehr als das. Ein zentraler Bestandteil besteht darin, die eigene Schlafregulation wieder zu verstehen. Viele Patient:innen haben im Laufe der Zeit Strategien entwickelt, die kurzfristig logisch erscheinen, langfristig aber den Schlaf verschlechtern. Dazu gehören längeres Liegenbleiben, häufiges Ausschlafen, Tagschlaf oder das frühe Zubettgehen aus Sorge vor einer schlechten Nacht.

In der Therapie lernen sie zunächst, diese Mechanismen zu erkennen. Danach arbeiten wir an konkreten Veränderungen: Sie lernen, ihren Schlafdruck wieder aufzubauen, regelmäßige Aufstehzeiten einzuhalten, Wachphasen nachts anders zu bewerten und den Zusammenhang zwischen Gedanken, Gefühlen und Schlaf zu verstehen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Umgang mit Perfektionismus. Viele Betroffene entwickeln die Vorstellung, jede Nacht müsse acht Stunden perfekten Schlaf bringen. Diese Erwartung erzeugt enormen Druck.

Deshalb vermitteln wir auch Wissen über die normale Variabilität des Schlafes. Niemand schläft jede Nacht gleich gut. Schlaf ist ein biologischer Prozess und kein Leistungstest. Mein Eindruck ist, dass viele Patient:innen am Ende der Therapie bei uns nicht nur besser schlafen. Sie entwickeln auch ein deutlich entspannteres Verhältnis zum Thema Schlaf insgesamt.


Welche Bedeutung haben Routinen, Schlafhygiene und Verhaltensänderungen?

Escherich: Schlafhygiene ist wichtig aber sie wird häufig überschätzt. Viele Menschen glauben, dass Schlafprobleme vor allem durch Kaffee am Abend oder das Smartphone entstehen. Natürlich können solche Faktoren eine Rolle spielen. Die wissenschaftliche Evidenz zeigt jedoch sehr klar, dass Schlafhygiene allein chronische Insomnien in der Regel nicht ausreichend behandelt. Sie bildet vielmehr die Grundlage.

Regelmäßige Aufstehzeiten, ausreichend Tageslicht am Morgen, körperliche Aktivität, ein stabiler Schlaf-Wach-Rhythmus sowie der Verzicht auf exzessiven Alkohol- oder Nikotinkonsum unterstützen die natürliche Schlafregulation. Entscheidend sind jedoch die Verhaltensänderungen, die über klassische Schlafhygiene hinausgehen. Dazu gehört beispielsweise, das Bett konsequent wieder mit Schlaf statt mit Anspannung zu verbinden. Ebenso wichtig ist es, den natürlichen Schlafdruck wirken zu lassen und nicht ständig durch verlängerte Bettzeiten oder häufige Tagschläfchen zu unterlaufen.

Ich benutze häufig folgendes Bild: Schlafhygiene ist vergleichbar mit einem gut vorbereiteten Acker. Er schafft günstige Bedingungen. Wachsen muss die Pflanze aber trotzdem noch selbst. Genau dabei helfen die spezifischen Methoden der CBT-I.


Welche Rolle spielen Entspannungsverfahren, Achtsamkeit oder Körpertherapie?

Escherich: Eine wichtige – allerdings nicht in dem Sinne, dass sie die eigentliche Ursache jeder Insomnie beseitigen. Wenn chronischer Stress oder erhöhte körperliche Anspannung den Schlaf beeinträchtigen, können Verfahren wie Progressive Muskelrelaxation, Atemtechniken, Achtsamkeitsübungen oder auch körperorientierte Verfahren die physiologische Aktivierung deutlich reduzieren.

Besonders spannend finde ich neuere achtsamkeitsbasierte Ansätze. Viele Betroffene versuchen krampfhaft einzuschlafen. Achtsamkeit verfolgt aber einen anderen Weg. Sie unterstützt dabei, Wachheit zunächst anzunehmen, ohne sie sofort als Bedrohung zu bewerten. Dadurch sinkt häufig genau jener Leistungsdruck, der den Schlaf bislang verhindert hat.

Auch körpertherapeutische Verfahren können sinnvoll sein, insbesondere wenn chronische Schmerzen, vegetative Anspannung oder ein dauerhaft erhöhtes Muskeltonusniveau bestehen. Wichtig ist jedoch: Diese Verfahren ergänzen die CBT-I – sie ersetzen sie nicht. Ich vergleiche das gern mit einem Orchester. Entspannung ist ein wichtiges Instrument. Die eigentliche Partitur entsteht jedoch erst durch das Zusammenspiel aller therapeutischen Elemente.


Wann macht die Gabe von Hypnotika bei Schlafstörungen aus Ihrer Sicht Sinn – und wann nicht?

Escherich: Das ist wahrscheinlich eine der häufigsten Fragen überhaupt. Zunächst einmal möchte ich betonen, dass Schlafmedikamente keineswegs grundsätzlich schlecht sind. Sie haben ihren festen Platz in der Medizin. Sie können beispielsweise sinnvoll sein bei akuten Krisen, schweren vorübergehenden Belastungssituationen oder wenn eine kurzfristige Stabilisierung dringend erforderlich ist. Entscheidend ist allerdings, dass wir sehr klar zwischen einer akuten und einer chronischen Insomnie unterscheiden.

Bei chronischen Schlafstörungen zeigen internationale Leitlinien eindeutig, dass Medikamente die Ursachen der Erkrankung in aller Regel nicht beseitigen. Sie verändern weder dysfunktionale Denkprozesse noch das aufrechterhaltende Verhalten oder die gestörte Schlafregulation. Hinzu kommen potenzielle Risiken wie Toleranzentwicklung, Abhängigkeit, kognitive Einschränkungen, Sturzgefahr, insbesondere im höheren Lebensalter sowie Rebound-Insomnien nach dem Absetzen. Deshalb sollten Hypnotika nach meiner Auffassung immer Teil eines Gesamtkonzeptes sein und nicht dessen Ersatz.

Ich bespreche mit meinen Patient:innen offen Vor- und Nachteile und treffe die Entscheidung gemeinsam mit ihnen. Gute Schlafmedizin bedeutet für mich nicht, Medikamente grundsätzlich abzulehnen. Gute Schlafmedizin bedeutet, sie dann einzusetzen, wenn der zu erwartende Nutzen die potenziellen Risiken überwiegt und gleichzeitig frühzeitig eine ursächliche Behandlung einzuleiten.

Und vielleicht noch ein letzter Gedanke: Unser Ziel sollte nicht sein, Menschen abhängig von einer Tablette schlafen zu lassen. Unser Ziel ist, dass sie wieder Vertrauen in ihre eigene Fähigkeit entwickeln, natürlich schlafen zu können. Genau das macht für mich den Unterschied zwischen einer symptomatischen und einer nachhaltigen Therapie aus.


Wie sinnvoll sind Schlaf-Tracker, Apps oder „Schlafoptimierung“ aus Ihrer Sicht?

Escherich: Das ist ein hochaktuelles Thema. Grundsätzlich finde ich es sehr positiv, dass sich Menschen heute mehr für ihren Schlaf interessieren. Schlaf hat in den letzten Jahren endlich die Aufmerksamkeit bekommen, die er medizinisch verdient. Problematisch wird es allerdings dann, wenn Technik beginnt, das subjektive Schlafempfinden zu ersetzen.

Die meisten kommerziellen Schlaf-Tracker können Schlafstadien nur indirekt über Bewegungen oder Herzfrequenz ableiten. Im Vergleich zur Polysomnographie, also dem Goldstandard der Schlafmedizin, ist diese Schätzung nur begrenzt genau. Besonders die Unterscheidung einzelner Schlafstadien gelingt häufig nicht zuverlässig. Ich sehe deshalb immer wieder Patient:innen, die sagen: „Eigentlich fühle ich mich ganz gut, aber meine Uhr sagt, mein Schlaf war katastrophal.“ Genau das kann problematisch werden.

Inzwischen gibt es sogar einen eigenen Begriff dafür: Orthosomnie. Gemeint ist die übermäßige Beschäftigung mit vermeintlich perfekten Schlafwerten. Menschen kontrollieren permanent ihre Schlafdaten, vergleichen Nächte miteinander und entwickeln zunehmend Angst, wenn die App schlechte Werte anzeigt. Und paradoxerweise verschlechtert genau dieses Kontrollverhalten häufig den Schlaf.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Schlaf-Tracker grundsätzlich nutzlos wären. Sie können helfen, regelmäßige Schlafzeiten zu erkennen oder Veränderungen im eigenen Rhythmus sichtbar zu machen. Als diagnostisches Instrument für Schlafstörungen reichen sie jedoch nicht aus. Ich sage deshalb häufig: Nutzen Sie Technik als Orientierung, aber vertrauen Sie Ihrem eigenen Erleben mehr als Ihrer Smartwatch.


Selbsthilfe bei Schlafstörungen

Was können Betroffene selbst tun, um ihren Schlaf zu verbessern?

Escherich: Die wichtigste Botschaft ist zunächst eine, die viele überrascht: Nicht jede schlechte Nacht muss sofort „repariert“ werden. Unser Schlafsystem besitzt eine erstaunlich hohe Fähigkeit zur Selbstregulation. Einzelne schlechte Nächte gleicht der Körper häufig von allein wieder aus. Problematisch wird es oft erst dann, wenn wir beginnen, gegen den Schlaf anzukämpfen. Deshalb empfehle ich zunächst, den Schlaf weniger zu bewerten und stattdessen wieder verlässliche biologische Rahmenbedingungen zu schaffen.

Dazu gehören vor allem ein möglichst regelmäßiger Aufstehzeitpunkt, auch nach einer schlechten Nacht, ausreichend Tageslicht am Morgen, körperliche Aktivität im Tagesverlauf und eine klare Trennung zwischen Aktivitäts- und Erholungsphasen. Ebenso wichtig ist der Umgang mit nächtlichem Wachliegen. Viele Menschen bleiben stundenlang im Bett und hoffen, dass der Schlaf irgendwann kommt. Aus lerntheoretischer Sicht ist das jedoch problematisch. Das Gehirn beginnt, das Bett mit Wachheit, Grübeln und Frustration zu verknüpfen.

Deshalb empfehlen wir in der CBT-I, das Bett vorübergehend zu verlassen, wenn man über längere Zeit wach liegt und sich zunehmend ärgert oder aktiviert fühlt. Erst wenn wieder deutliche Müdigkeit auftritt, geht man zurück ins Bett. Damit stärken wir langfristig die Verbindung zwischen Bett und Schlaf.

Ein weiterer Punkt ist der Umgang mit Tagschlaf. Kurze Powernaps können in bestimmten Situationen sinnvoll sein, bei chronischer Insomnie verschlechtern längere Tagschlafphasen jedoch häufig den nächtlichen Schlafdruck. Und vielleicht das Wichtigste überhaupt: Geduld. Der natürliche Schlafrhythmus braucht Zeit, um sich wieder zu stabilisieren. Es geht nicht darum, innerhalb weniger Nächte perfekt zu schlafen, sondern Schritt für Schritt wieder Vertrauen in die eigene Schlafregulation zu entwickeln.


Welche einfachen Veränderungen im Alltag haben oft eine große Wirkung?

Escherich: Oft sind es tatsächlich die kleinen, aber konsequent umgesetzten Veränderungen, die langfristig den größten Effekt haben. An erster Stelle steht für mich ein konstanter Aufstehzeitpunkt. Viele Menschen konzentrieren sich ausschließlich auf die Uhrzeit des Zubettgehens. Für unseren biologischen Rhythmus ist jedoch das regelmäßige Aufstehen häufig noch bedeutsamer. Es stabilisiert die innere Uhr und verbessert langfristig die Schlafqualität.

Ebenso wichtig ist Licht. Tageslicht am Morgen gehört zu den stärksten Zeitgebern unseres zirkadianen Systems. Schon 20 bis 30 Minuten natürliches Licht am Vormittag unterstützen die Synchronisation des Schlaf-Wach-Rhythmus erheblich. Auch Bewegung spielt eine große Rolle. Regelmäßige körperliche Aktivität verbessert nachweislich die Schlafqualität, unabhängig davon, ob sie Ausdauer, Kraft oder eine Kombination aus beidem umfasst. Entscheidend ist weniger die perfekte Sportart als die Regelmäßigkeit.

Ein weiterer oft unterschätzter Aspekt ist die Tagesstruktur. Unser Gehirn liebt Rhythmen. Regelmäßige Mahlzeiten, Aktivitätsphasen, soziale Kontakte und Erholungszeiten unterstützen die innere Stabilität weit stärker, als viele vermuten. Natürlich sprechen wir auch über klassische Schlafhygiene, etwa den maßvollen Umgang mit Koffein, Alkohol oder Nikotin sowie eine angenehme Schlafumgebung.


Welche Rolle spielen Gedanken, Einstellungen und der Umgang mit Schlaflosigkeit?

Escherich: Wenn wir Menschen mit chronischer Insomnie über längere Zeit begleiten, stellen wir häufig fest, dass sich nicht nur der Schlaf verändert hat, sondern auch die Beziehung zum Schlaf. Anfangs ist Schlaflosigkeit meist eine belastende Erfahrung. Mit der Zeit entwickelt sich daraus oft eine starke gedankliche Fixierung. Viele Betroffene beginnen, ständig zu rechnen: „Wie viele Stunden bleiben mir noch?“, Wenn ich jetzt einschlafe, bekomme ich wenigstens fünf Stunden.“ oder Morgen werde ich garantiert nicht funktionieren.

Diese Gedanken sind vollkommen nachvollziehbar. Gleichzeitig verstärken sie die innere Anspannung und aktivieren genau jene Hirnnetzwerke, die Wachheit fördern. In der kognitiven Verhaltenstherapie arbeiten wir deshalb gezielt an diesen Überzeugungen. Nicht, weil positives Denken Schlaf erzeugt, sondern weil realistischere Bewertungen den Teufelskreis aus Angst, Kontrolle und Anspannung durchbrechen können.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Akzeptanz. Das bedeutet keineswegs, Schlaflosigkeit einfach hinzunehmen. Es bedeutet vielmehr, einzelne schlechte Nächte nicht mehr als Katastrophe zu bewerten. Interessanterweise schlafen viele Menschen genau dann wieder besser, wenn sie aufhören, jede Nacht als Prüfung zu betrachten. Denn Schlaf ist letztlich ein biologischer Prozess, der sich nur begrenzt kontrollieren lässt. Unsere Aufgabe besteht deshalb nicht darin, den Schlaf zu erzwingen, sondern günstige Bedingungen zu schaffen und dem Organismus wieder zu erlauben, seine natürliche Regulation aufzunehmen.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis, die ich Patient:innen mitgeben möchte: Es gibt nicht den einen perfekten Schlaftipp. Schlaf entsteht aus dem Zusammenspiel biologischer Rhythmen, psychischer Prozesse und unseres Verhaltens. Deshalb gibt es auch keine einzelne Maßnahme, die alle Probleme löst. Die gute Nachricht ist aber: Dieses System ist erstaunlich lernfähig. Selbst Menschen, die seit vielen Jahren unter einer chronischen Insomnie leiden, können ihren Schlaf häufig wieder deutlich verbessern. Nicht durch Perfektion oder Kontrolle, sondern durch ein besseres Verständnis der eigenen Schlafregulation und durch konsequente, evidenzbasierte Verhaltensänderungen.


Ausblick & Haltung

Warum ist es wichtig, Schlafstörungen nicht isoliert, sondern im Gesamtkontext eines Menschen zu betrachten?

Escherich: Das ist aus meiner Sicht einer der wichtigsten Grundsätze der modernen Schlafmedizin. Schlafstörungen entstehen nur selten durch eine einzige Ursache. Viel häufiger sind sie das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels biologischer, psychischer und sozialer Faktoren. Genau deshalb greift eine rein symptomorientierte Betrachtung häufig zu kurz.

Wenn ein Mensch schlecht schläft, interessiert mich zunächst nicht nur die Frage, wie er schläft, sondern auch warum. Liegt eine chronische psychische Belastung vor? Gibt es depressive Symptome oder eine Angststörung? Bestehen chronische Schmerzen, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung oder Hinweise auf eine schlafbezogene Atmungsstörung? Wie sehen der berufliche Alltag, die familiäre Situation oder der persönliche Chronotyp aus? Nimmt der/die Patient:in Medikamente ein, die den Schlaf beeinflussen könnten? All diese Faktoren wirken auf den Schlaf ein und der Schlaf wirkt wiederum auf sie zurück.

Genau deshalb sprechen wir heute vom biopsychosozialen Modell. Es erinnert uns daran, dass Schlaf kein isolierter biologischer Vorgang ist, sondern Ausdruck eines hochkomplexen Regulationssystems.

Ich erlebe auch immer wieder, dass Patient:innen sagen: „Ich dachte, ich habe nur ein Schlafproblem.“ Im Verlauf der Diagnostik erkennen wir dann gemeinsam, dass der Schlaf häufig ein empfindlicher Seismograf für das gesamte körperliche und psychische Gleichgewicht ist. Deshalb reicht es nicht, den Schlaf allein zu behandeln. Wir sollten den Menschen behandeln, der schlecht schläft.


Was wünschen Sie sich für den Umgang mit Schlafstörungen in der medizinischen Versorgung?

Escherich: Ich wünsche mir vor allem, dass Schlaf den Stellenwert erhält, den er wissenschaftlich längst verdient. Noch immer erleben wir in der Versorgung, dass Schlafstörungen entweder bagatellisiert oder sehr früh ausschließlich medikamentös behandelt werden. Beides wird der Komplexität des Problems nicht gerecht. Ich wünsche mir auch, dass Schlafmedizin selbstverständlich interdisziplinär gedacht wird. Hausärzt:innen, Psychotherapeut:innen, Psychiater:innen, Neurolog:innen, Pneumolog:innen, HNO-Ärzt:innen sowie weitere Fachdisziplinen sollten noch enger zusammenarbeiten. Denn guter Schlaf entsteht an der Schnittstelle dieser Fächer.

Ein weiterer Wunsch betrifft die Diagnostik. Wir sollten bei anhaltender Erschöpfung oder Müdigkeit nicht vorschnell von Stress oder Depression ausgehen. Ebenso wichtig ist die Frage, ob beispielsweise eine bislang unerkannte obstruktive Schlafapnoe, ein Restless-Legs-Syndrom oder eine zirkadiane Schlaf-Wach-Rhythmusstörung vorliegen könnte. Und schließlich wünsche ich mir, dass die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie deutlich breiter verfügbar wird. Obwohl sie international als Therapie der ersten Wahl empfohlen wird, haben viele Betroffene bis heute keinen einfachen Zugang dazu. Hier besteht aus meiner Sicht noch erheblicher Versorgungsbedarf.

Gleichzeitig verändert sich unser Fachgebiet rasant. Digitale CBT-I-Programme, telemedizinische Versorgung, individualisierte Chronotherapie und neue Erkenntnisse der zirkadianen Medizin werden die Schlafmedizin in den kommenden Jahren weiterentwickeln. Entscheidend wird sein, diese Innovationen evidenzbasiert in die Versorgung zu integrieren. Für mich bedeutet moderne Schlafmedizin deshalb nicht nur bessere Diagnostik oder neue Therapien. Sie bedeutet vor allem, Schlaf als grundlegenden Gesundheitsfaktor ernst zu nehmen.


Welche Botschaft möchten Sie Menschen mitgeben, die schon lange unter schlechtem Schlaf leiden?

Escherich: Vielleicht zunächst die wichtigste Botschaft überhaupt: Bitte verlieren Sie nicht die Hoffnung. Ich begegne immer wieder Menschen, die seit vielen Jahren schlecht schlafen und überzeugt sind, dass sich daran nichts mehr ändern wird. Viele haben bereits unzählige Ratschläge ausprobiert, Medikamente eingenommen oder resigniert. Dabei zeigt die wissenschaftliche Evidenz ebenso wie die klinische Erfahrung etwas anderes: Auch chronische Schlafstörungen sind in den allermeisten Fällen behandelbar, vorausgesetzt wir verstehen ihre Ursachen und behandeln sie gezielt.

Mir ist wichtig zu betonen, dass schlechter Schlaf kein Zeichen von persönlichem Versagen oder mangelnder Willenskraft ist. Niemand entscheidet sich dafür, schlecht zu schlafen. Schlaflosigkeit ist eine ernst zu nehmende Erkrankung mit gut untersuchten biologischen und psychologischen Mechanismen. Gleichzeitig möchte ich Mut machen. Unser Schlafsystem ist erstaunlich anpassungsfähig. Selbst nach vielen Jahren chronischer Insomnie kann das Gehirn wieder lernen, Vertrauen in den natürlichen Schlaf zu entwickeln. Das braucht Zeit, manchmal auch Geduld, aber es ist möglich.

Ich erlebe immer wieder, dass Patient:innen irgendwann sagen: „Zum ersten Mal seit Jahren denke ich abends nicht mehr darüber nach, ob ich schlafen werde.” Genau das ist häufig der entscheidende Wendepunkt. Denn das eigentliche Ziel ist nicht, jede Nacht perfekt zu schlafen. Das Ziel ist, dass Schlaf wieder etwas Selbstverständliches wird und nicht länger das Leben bestimmt.

Und vielleicht ist das die Botschaft, die ich am Ende dieses Gesprächs mitgeben möchte: Schlaf ist keine Belohnung für einen perfekten Tag und keine Fähigkeit, die manche Menschen besitzen und andere nicht. Schlaf ist eine grundlegende biologische Kompetenz unseres Organismus. Unsere Aufgabe besteht oft nicht darin, Schlaf zu erzeugen, sondern die Bedingungen zu schaffen, unter denen er wieder entstehen kann.

Wenn ich die Entwicklung der Schlafmedizin in den vergangenen Jahren betrachte, beeindruckt mich vor allem eines: Wir haben aufgehört, Schlaf als bloße Ruhephase zu verstehen. Heute wissen wir, dass Schlaf ein hochaktiver biologischer Prozess ist, der nahezu jede Funktion unseres Körpers und unseres Gehirns beeinflusst. Gerade deshalb verdient er in der Medizin denselben Stellenwert wie Ernährung, Bewegung oder Prävention.

In meiner täglichen klinischen Arbeit hat sich ein Satz immer wieder bestätigt: Wer den Schlaf eines Menschen versteht, versteht häufig auch einen wesentlichen Teil seiner psychischen und körperlichen Gesundheit. Deshalb wünsche ich mir, dass wir Schlafstörungen künftig noch früher erkennen, differenzierter diagnostizieren und konsequent evidenzbasiert behandeln. Denn guter Schlaf bedeutet weit mehr als ausgeschlafen zu sein. Er bedeutet emotionale Stabilität, körperliche Gesundheit, kognitive Leistungsfähigkeit und letztlich ein Stück Lebensqualität.


Dr. med. Steffen Escherich ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Seit 2022 ist er in der psychosomatischen Klinik im Gezeiten Haus Bonn tätig und Ansprechpartner des spezifischen Therapiekonzepts der ganzheitlichen Schlafgesundheit.


Vielen Dank für das Gespräch und die fachliche Expertise!


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Wissenschaftliche Grundlagen und Quellen:

Aktuelle Leitlinien

Aktuelle Evidenz

  • Riemann et al. zum Hyperarousal-Modell der Insomnie
  • Morin & Benca zur modernen Konzeption der chronischen Insomnie
  • Espie et al. zur CBT-I
  • van Straten et al. (aktuelle Metaanalysen zur Wirksamkeit der CBT-I)
  • Baglioni et al. zur Insomnie als Risikofaktor für Depression
  • Matthew Walker und Kollegen zu Emotion, REM-Schlaf und Gedächtniskonsolidierung (differenziert und evidenzbasiert eingeordnet)
  • Studien zur Amygdala-Präfrontalkortex-Interaktion bei Schlafmangel (u. a. Yoo et al.)
  • Aktuelle Daten zur Orthosomnie
  • Studien zum glymphatischen System (Iliff, Nedergaard und neuere Übersichtsarbeiten)