Kunsttherapie: Kreative Prozesse in der Therapie

Die Kunsttherapie kann im Rahmen einer psychotherapeutischen Behandlung eine Begleitung in Form kreativer Prozesse sein. Petra Haas, Diplom-Kunsttherapeutin aus dem Gezeiten Haus Bonn, erläutert wieso die Kunsttherapie eine wertvolle Ergänzung zur Psychotherapie ist und welchen Einfluss die Therapieform auf den Genesungsverlauf haben kann.

18.09.2023

LESEZEIT: 10 MINUTEN

KATEGORIE: INTERVIEW, KUNSTTHERAPIE, THERAPIEANGEBOTE

AUTORIN: Mareike Penderock

Kunsttherapie: Der Prozess als Ziel

Warum steht in der Kunsttherapie der Prozess und nicht das Ergebnis im Mittelpunkt?

Petra Haas: Wir sprechen von Kunsttherapie, wenn mit bildnerischen Materialien wie Farben, Ton, Holz oder auch Stein kreativ im Rahmen einer Psychotherapie gearbeitet wird. Der Gestaltungsprozess ist dabei im therapeutischen Sinne wichtiger als das fertige Werk. Erlebnisse und Emotionen während des schöpferischen Prozesses spielen eine große Rolle. Es geht bei der kreativen Betätigung nicht darum, ein Kunstwerk zu erschaffen, sondern um die Möglichkeit, in Kontakt mit unbewussten Inhalten und körperlichen Empfindungen zu kommen, zu assoziieren und schließlich zu bearbeiten.

Wissenschaftliche Grundlagen der Kunsttherapie

Worauf basiert die Kunsttherapie?

Petra Haas: Die klassische Kunsttherapie bedient sich verschiedener Praktiken und Disziplinen. Darunter finden wir zum Beispiel auch die Lehre von Carl Gustav Jung (Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie). In der Kunsttherapie arbeiten wir mit interdisziplinären Methoden und kreativen Verfahren, nutzen aber auch Grundlagen der Psychoanalyse und Verhaltenstherapie. Zudem spielen Erkenntniswissenschaften wie systemische Therapieverfahren eine Rolle. Moderne Ansätze binden auch neueste Erkenntnisse der Gehirnforschung ein.

Angstfreies Gestalten ohne Leistungsdruck

Loslassen und sich von Leistungsdruck zu befreien scheint eine große Hürde für viele Patient:innen zu sein. Was passiert während der Kunsttherapie?

Petra Haas: Kunsttherapie ist für alle Menschen geeignet, auch für diejenigen, die ihrer eigenen Meinung nach künstlerisch unbegabt sind. Während des kreativen Prozesses geht es darum sich Auszudrücken und Auszuprobieren – um ein angstfreies Handeln und Entscheiden ohne Leistungsorientierung. Durch diesen aktiv gestalterischen Prozess lernen die Patient:innen sich selber besser kennen und entdecken ihre kreativen Fähigkeiten während des künstlerischen Prozesses wieder. Die Offenheit und Neugier, die sie bereits als Kind hatten, wird aktiviert. Dadurch werden Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen gestärkt. Die Patient:innen erleben sich wieder als handlungsfähig. Es öffnen sich auch Perspektiven auf ihr äußeres Umfeld und die innerpsychischen Zustände, die dann wiederum in der Psychotherapie genutzt werden können. Die Auseinandersetzung mit dem Umfeld, der Wirklichkeit und der Fantasie als Darstellung des inneren Prozesses sind wesentliche Aspekte der Kunsttherapie. Am Ende steht das Ziel, den Heilungsprozess zu unterstützen. Ein sehr wichtiger und grundsätzlicher Aspekt ist dabei die Tatsache, dass die entstehenden Werke gemeinsam betrachtet und besprochen, jedoch nicht bewertet werden.

Neugierde statt Bewertung

Das Entstandene nicht zu bewerten ist für viele Patient:innen sehr schwierig. Was hilft den Patient:innen dabei, sich auf den Gestaltungsprozess anstatt auf die „Leistung“ zu konzentrieren?

Petra Haas: In meiner therapeutischen Arbeit möchte ich Menschen dazu einladen, sich fernab des leistungsorientierten Denkens kennenzulernen - losgelöst von antrainierten Bewältigungsmechanismen. Im offenen Prozess und materialerprobenden Gestalten ist dies schon Herausforderung genug, das entstandene Werk, das eigene Handeln nicht zu bewerten, sondern neugierig zu erforschen: Was kann man mit dem Material alles machen? Welche Grenzen ausdehnen? Und vor allem, was fühlt sich heute gut an für mich? Der weiche Pinsel mit fließenden Linien, das zarte Zeichnen von Linien, die mich wieder fokussieren?

Schauen wir abschließend auf den Verlauf des Gestaltungsprozesses, startet meistens sofort wieder der Bewertungsmodus. Ich führe den Blick dann zurück auf den Verlauf des Prozesses und gehe auf reiner Bildebene in die Mikroanalyse : Was haben die Patient:innen über das Material erfahren? Was erfahren sie über sich, wenn Sie die Reihenfolge der Bilder betrachten? Vielleicht, dass am Anfang Irritation war? Dann Frustration, weil Geplantes nicht funktioniert hat? Danach folgt das Erforschen und das Finden des individuellen Wegs. Dies steigert fühl- und glaubbar die eigenen Ressourcen und ermöglicht einen Blick auf die Bedürfnisse, die sich im intuitiven Gestalten offenbaren, fernab des Intellekts. Das ist für viele sehr positiv überraschen. Würden wir unser Bild bewerten, würden wir uns nicht die Erlaubnis geben, uns neu, staunend und wohlwollend zu erleben.

Natur in der Kunsttherapie

Welche Rolle spielen natürliche Materialien beim therapeutischen Prozess?

Petra Haas: Eine sehr große! Unsere Terrassen, der Zen-Garten und das Naturschutzgebiet Kottenforst bietet uns in Bonn weitere künstlerische Optionen mit noch mehr Materialauswahl und fast unbegrenzten räumlichen Möglichkeiten. Um zu erfahren, dass der offene Prozess im Atelier umsetzbar ist, kann man beim Gestalten in der Natur erleben, dass jedes Material selbstbestimmt gestaltet werden kann. Man schärft den Blick für Blattstrukturen, die mit Linoldruckfarbe abgebildet werden können oder man entdeckt, dass Rinde eine Musterung hat, zu der es eventuell eine Assoziation gibt und die dann bewusst genutzt wird.

Besonders spannend ist dabei die Land Art: Bei dieser Kunstform geht man ohne Ziel und Hilfsmittel los -  im Vertrauen, dass man einen Ort, eine bestimmt Struktur oder Material wie z. B. Blütenblätter oder Zapfen finden wird und daraus etwas sanft in die Natur integrieren wird. Wenn man diese erlebte Kompetenz in den Alltag nimmt: ich gehe einfach los und werde meinen Ort, mein Material finden und daraus etwas erschaffen, stärkt dies die Haltung das ich mein Leben gestalten kann. Das Leben als offener Prozess!

Die Rolle der Kunsttherapeut:in

Welche Rolle spielt die Begleitung eines Therapeut:inn während der Kunsttherapie?

Petra Haas: Das ist eine interessante Frage, die ich gern versuche näher zu erläutern. Durch die Kunstwerke entsteht ein Kontakt zwischen Patient:in und Therapeut:in. Demzufolge kommt es immer zu einer Interaktion, entweder im Einzelgespräch oder aber auch in der Gruppe. So bildet die Therapie quasi ein Beziehungsdreieck, auch als kunsttherapeutische Triade bezeichnet.

Die drei Ebenen des Beziehungsdreieck

  • die Gestaltung des Kunstwerks als Ausdrucksform und Selbstauseinandersetzung
  • die Beziehung zwischen Patient:in und Therapeut:in
  • die Deutung des erschaffenen Werkes

Das Besondere ist vor allen Dingen die Möglichkeit des nonverbalen Austausches über das künstlerische Medium im Gegensatz zur Gesprächstherapie. So kann auch unaussprechliches Raum finden oder Gefühle, zu denen man sprachlich nicht in Kontakt kommt, sichtbar gemacht werden. Das ist natürlich auch im interdisziplinären Austausch mit den ärztlichen Kolleg:innen interessant.

Kunsttherapie bei psychosomatischen Erkrankungen

Warum eignet sich Kunsttherapie Ihrer Erfahrung nach besonders gut für Menschen in seelischen Krisen oder mit psychischen Störungen?

Petra Haas: Da wir im Gezeiten Haus davon ausgehen, dass Krankheitsbildern immer auch Ursachen zugrunde liegen, deren Erforschung eine tiefere Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie erfordern, eignen sich kunsttherapeutische Verfahren besonders gut bei psychischen Störungen und in krisenhaften Situationen. Sie tragen dazu bei, die Wahrnehmung der Patient:innen zu verändern und die Fixierung auf ihre Erkrankung beziehungsweise ihre Symptome zu lösen. Die ressourcenaktivierende Wirkung hilft zusätzlich dabei, eigene Wünsche und Ziele zu erkennen und möglicherweise sogar Antworten auf die Frage zu finden „Wer bin ich?“

Kunsttherapie als Übersetzung der inneren Bilder

In der Kunsttherapie können Patient:innen verschiedene Materialien nutzen, um ihre inneren Bilder auszudrücken und so oft auch einen neuen Zugang zu ihren Gefühlen finden. 

Kunsttherapie als Übersetzung der inneren Bilder

In der Kunsttherapie können Patient:innen verschiedene Materialien nutzen, um ihre inneren Bilder auszudrücken und so oft auch einen neuen Zugang zu ihren Gefühlen finden. 

„Es kann greifbar werden, wofür Worte oft alleine nicht ausreichen!“

Fazit

Kunsttherapie ist eine effektive, ergänzende Therapieform zur Psychotherapie. Sie bietet einen kreativen Ansatz zur Bewältigung von emotionalen und psychischen Herausforderungen. Die therapeutische Nutzung von Kunst ermöglicht es den Menschen, ihre Gefühle auszudrücken und unbewusste Konflikte zu erkunden, ohne zwangsläufig über Worte sprechen zu müssen. Kunsttherapie kann dazu beitragen, das Selbstbewusstsein zu stärken, Stress abzubauen und die Kommunikation zu verbessern. Insgesamt ist Kunsttherapie eine wertvolle Unterstützung für Menschen auf ihrem Weg zur emotionalen Heilung und Selbstentfaltung und wichtiger Bestandteil im Therapiekonzept der Gezeiten Haus Kliniken.

Petra Haas ist Dipl. Kunsttherapeutin im Gezeiten Haus Bonn. Sie unterstützt die Patient:innen mit den nonverbalen Techniken der Kunsttherapie einen besseren Zugang zu sich selbst zu bekommen.


Vielen Dank für das Gespräch und die fachliche Expertise!


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