Ein Fallbeispiel:
Herr M., 43 Jahre alt, stellte sich aufgrund persistierender Schlafstörungen in einer Praxis vor. Die Beschwerden bestehen seit mehreren Monaten und haben sich im Verlauf deutlich verschärft. Zu Beginn trat die Schlaflosigkeit vor allem in stressreichen Phasen unter der Woche auf, doch mittlerweile hält sie auch am Wochenende an. Der Patient schildert, dass es ihm kaum noch gelingt, einzuschlafen – selbst wenn er müde ins Bett geht. Oft liegt er stundenlang wach, wälzt sich hin und her, ohne zur Ruhe zu kommen. Einschlafzeiten von zwei bis vier Stunden sind keine Seltenheit. Auch das nächtliche Erwachen mit Grübelgedanken hat zugenommen.
Inzwischen hat Herr M. eine regelrechte Angst vor dem Zubettgehen entwickelt. Bereits am späten Nachmittag beginnt die Anspannung zu steigen – im Wissen, dass ihm wieder eine schlaflose Nacht bevorstehen könnte. Der daraus resultierende Frust und die ständige Erschöpfung belasten ihn psychisch zunehmend und beeinträchtigen auch seine Leistungsfähigkeit im Alltag. Er fühlt sich tagsüber wie benommen, „wie mit einem Kater, nur ohne Alkohol“, wie er es selbst beschreibt. Die dauerhafte Müdigkeit macht ihn reizbar – er berichtet, dass er im beruflichen Umfeld zunehmend schnell gereizt und teilweise pampig reagiere, was sowohl ihm selbst als auch seinen Kolleg:innen zu schaffen mache.
Zudem quälen ihn tagsüber negative Gedankenspiralen, die er als besonders zermürbend empfindet. Immer wieder dreht sich sein Denken um den Job, über den er sich innerlich ständig ärgert. Er führt gedankliche Diskussionen mit Vorgesetzten oder Kolleg:innen, ohne dass es dafür konkrete Auslöser gäbe. Auch dies trägt dazu bei, dass er abends nicht abschalten kann und innerlich aufgewühlt bleibt.
Im Anamnesegespräch zeigte sich, dass die Schlafstörungen eng mit einer dauerhaften inneren Unruhe und beruflicher Überforderung verknüpft ist. Organische Ursachen konnten ausgeschlossen werden. Der Patient wirkt äußerlich kontrolliert, berichtet aber von einem „ständigen inneren Druck“ und dem Gefühl, „nicht mehr zur Ruhe zu kommen“. Auf Anraten des Arztes begibt sich Herr M. in eine ambulante Psychotherapie, in der er die Hintergründe seiner Überforderung und inneren Unruhe beleuchten kann. Es zeigt sich, dass er in seiner Kindheit einem hohen Erwartungsdruck ausgesetzt war, den er bis ins Erwachsenenalter spürt.
Nach 6 Monaten psychotherapeutischer Unterstützung kann Herr M. berichten, dass er seine Ansprüche an sich selbst besser regulieren kann und er den Alltag deutlich unaufgeregter erlebt. Das zeigt sich auch an seinem Schlaf - Herr M. hat einige Rituale in den Abend integriert, die ihm helfen, innerlich besser zur Ruhe zu kommen. Er kann schneller abschalten und findet mittlerweile ausreichend Schlaf. Falls zwischendurch wieder problematische Einschlafphasen auftreten, kann er inzwischen viel gelassener damit umgehen.