Traumafachtag zum 10-jährigen Jubiläum auf Schloss Eichholz
Am 08.05.2026 fand der Jubiläumsfachtag im Gezeiten Haus Schloss Eichholz mit über 100 geladenen Gästen statt. Unter dem Titel „Systemische Therapie trifft EMDR" rückte die Fortbildung in 3 Fachvorträgen ein zentrales Thema der therapeutischen Arbeiten unserer Kliniken auf Schloss Eichholz in den Fokus.
Zum 10-jährigen Jubiläum der Gezeiten Haus Kliniken stand der diesjährige Fachtag unter einem ganz besonderen Motto. Unter dem Titel „Systemische Therapie trifft EMDR" blickte der Traumafachtag auf die zentrale therapeutische Arbeit mit Systemischer Therapie und EMDR der letzten Dekade zurück.
Feierlich eröffnet wurde der Fachtag von Dr. med. Susanne Altmeyer, Chefärztin der Gezeiten Haus Trauma- und Tagesklinik und dem Geschäftsführer der Kliniken Kai Grundmann, die das Grußwort an unseren Herr Bürgermeister Ralph Manzke übergaben: „Wohl dem, der gute Unterstützung an seiner Seite hat. Ich freue mich sehr der Gezeiten Haus Gruppe heute zum 10-jährigen Bestehen hier bei uns in Wesseling auf Schloss Eichholz gratulieren zu dürfen. Wir in Wesseling sind stolz, dass eine solch hoch spezialisierte und bundesweit anerkannte Klinik für Psychotraumatologie und EMDR hier ihren Hauptstandort hat.“

Update 2026: Eye Movement Desensitization and Reprocessing – Neuere Entwicklungen der EMDR-Therapie | Dr. med. Arne Hofmann
Zum Auftakt des diesjährigen Fachtags gab Dr. med. Arne Hofmann, Pionier der EMDR-Therapie im deutschsprachigen Raum, einen Einblick in die aktuellen Entwicklungen und möglichen Versorgungsperspektiven der EMDR-Therapie.
Zunächst erläuterte er noch einmal die Grundidee der EMDR-Therapie: Psychische Belastungen entstünden häufig dort, wo Erfahrungen – von schweren Traumata bis hin zu Belastungen wie Mobbing, Verlusten oder emotionaler Vernachlässigung – nicht ausreichend verarbeitet werden konnten. Diese sogenannten pathogenen Erinnerungen blieben im System aktiv und wirkten emotional wie körperlich weiter als „Stressbatterien”. EMDR setze hier an: Durch bilaterale Stimulation werde ein Verarbeitungsprozess angestoßen, mit dem Ziel, die emotionale Überwältigung zu lösen und die Erfahrung in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren.
Ein besonderer Schwerpunkt des Vortrags lag auf der Behandlung depressiver Erkrankungen mithilfe der EMDR-Therapie. Hofmann betonte, dass 55 % der Patient:innen eine deutliche Besserung bis hin zur vollständigen Remission erreicht hätten, wie klinische Daten zeigten. Gleichzeitig deuteten die Ergebnisse darauf hin, dass sich auch Rückfälle reduzieren lassen, wenn zugrunde liegende belastende Erinnerungen gezielt bearbeitet werden.
Darüber hinaus beschrieb er neue Anwendungsfelder der Methode. Im Bereich früher psychotischer Entwicklungen zeigten erste Erfahrungen, dass EMDR möglicherweise dazu beitragen könne, den Verlauf günstig zu beeinflussen und das Risiko eines Übergangs in eine manifeste Psychose zu reduzieren. Auch bei chronischen Schmerzstörungen werde zunehmend deutlich, wie stark emotionale Belastungen das Beschwerdebild mitprägen könnten.
Klinische Wirksamkeit und neue Einsatzbereiche
Neben der klassischen EMDR-Einzeltherapie stellte Dr. med. Arne Hofmann auch neue Behandlungsformate vor. Dazu gehörten EMDR-Intensivtherapien mit verdichteten Sitzungen sowie strukturierte Gruppenprotokolle, auch G-TEP (EMDR Group Traumatic Episode Protocol) genannt, die bereits in Krisensituationen erfolgreich eingesetzt worden seien – etwa bei Geflüchteten oder psychosozialen Einsatzkräften. Diese Entwicklungen zeigten, dass EMDR zunehmend auch in komplexen Versorgungskontexten eingesetzt werde, in denen schnelle Stabilisierung und nachhaltige Wirkung gleichermaßen gefragt seien.
Darüber hinaus betonte Dr. med. Arne Hofmann die gesellschaftliche Relevanz der Methode: Wirksame psychotherapeutische Behandlung bedeute seiner Meinung nach nicht nur individuelle Entlastung, sondern auch eine spürbare Reduktion von Chronifizierungen, Rückfällen und damit verbundenen Folgekosten im Gesundheitssystem. Durch eine solche Reduktion könne man nach seinen Hochrechnungen mithilfe der EMDR-Therapie circa 2 Milliarden Euro im Jahr sparen. Diese Hochrechnung sei gerade aufgrund der aktuellen Kürzungen der Vergütung für Psychotherapeut:innen sehr relevant.
Anlässlich des 10. Jubiläums der Gezeiten Haus Kliniken Schloss Eichholz blickte er abschließend noch einmal stolz auf die Entwicklung der Kliniken in den vergangenen Jahren und ihre Arbeit mit der EMDR-Therapie: „Aus einem kleinen Widerstandsnest ist ein Leuchtturm der modernen Traumatherapie geworden“. Diese Entwicklung mache ihm dabei große Hoffnung für die Zukunft. Die Verbindung aus therapeutischer Erfahrung, wissenschaftlicher Forschung und dem Mut, neue Wege zu gehen, könne dazu beitragen, dass auch künftig viele Patient:innen durch die Arbeit mit EMDR nachhaltige Stabilisierung und neue Lebensqualität erfahren.

Wirkungen und Dynamiken des narrativen Konstrukts „Traumatherapie“: Ein Plädoyer für Empowerment und Pragmatismus statt Opferidentität und Mystifizierung | Dr. phil. Niclas Killian-Hütten
Dr. phil. Niclas Killian-Hütten plädierte im zweiten Fachvortrag für eine therapeutische und fachliche Haltung, die Ambiguität aushält, statt sie vorschnell moralisch oder diagnostisch aufzulösen. Differenziertheit sei kein Mangel an Mitgefühl, sondern Ausdruck professioneller Verantwortung: Sie halte Bedeutungen offen, verhindere vorschnelle Festschreibungen und ermögliche Entwicklung. Ein Diskurs, der Zweifel oder Widerspruch moralisch sanktioniert, schütze nicht vor Machtmissbrauch, sondern könne ihn sogar verschieben. Wenn therapeutische Deutungen zu stark autoritär gesetzt werden, sinke die Wahrscheinlichkeit, dass Grenzverletzungen oder Irritationen durch Therapeut:innen benannt werden können.
Im Zentrum stand die Kritik an Polarisierungen im Traumadiskurs. Auf der einen Seite gebe es mystifizierende, teils esoterische Positionen, die Erinnerungen, Körperwissen oder Betroffenheit als nahezu unfehlbar behandeln und Zweifel moralisch abwerten. Auf der anderen Seite stünden radikal skeptische Positionen, die Trauma vor allem als Suggestion, Erinnerung als Artefakt und Therapeut:innen als potenzielle Manipulator:innen betrachten. Beide Lager reduzierten Komplexität, stabilisierten professionelle Identität und entlasteten von Unsicherheit, verengten aber den klinischen Blick.
Besonders deutlich werde dies an der dissoziativen Identitätsstörung. Hier prallten Positionen aufeinander, die entweder von klar abgrenzbaren Persönlichkeitsanteilen und unhinterfragbaren Erinnerungsinhalten ausgehen, oder die Phänomene vor allem als therapeutisch induziert, suggestiv oder diskursiv konstruiert verstehen. Neurowissenschaftliche Befunde könnten zwar Unterschiede in Aktivierungsmustern, Gedächtnisprozessen und Selbstverarbeitung zeigen, lösten die grundlegende Unsicherheit aber nicht auf. Die Datenlage sei begrenzt, Stichproben klein, Ergebnisse heterogen und nur eingeschränkt replizierbar. Neurobiologie ersetze interpretative Offenheit nicht, sondern verlagere Unsicherheit auf eine andere Ebene und versehe sie mit neuer Autorität.
Für Patient:innen könne die Lagerbildung problematische Folgen haben: Entweder würden sie in hochkomplexe, stark strukturierte Selbstbeschreibungen eingeführt, aus denen sie schwer wieder herausfinden, oder sie sähen sich einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber dem eigenen Erleben ausgesetzt. In beiden Fällen gerate die eigentliche therapeutische Aufgabe in den Hintergrund: Beziehung gestalten, gegenwärtige Lebensbewältigung unterstützen und Handlungsspielräume erweitern.
Opferstatus, Diagnosekultur und die Gefahr moralischer Eindeutigkeit
Dr. phil. Killian-Hütten verband diese Dynamiken mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Opferstatus sei heute zu einer moralischen Ressource geworden, die Anerkennung, Schutz und Legitimität verleihen könne. Historisch sei das wichtig gewesen, weil Begriffe wie Trauma, Diskriminierung und strukturelle Benachteiligung Erfahrungen sichtbar machten, die lange ignoriert wurden. Zugleich könnten solche Diskurse kippen, wenn nicht mehr das Gesagte zählt, sondern primär die Sprecherposition. Dann werde Zugehörigkeit zur moralischen Kategorie, was Widerstand, Ermüdung und neue Formen des Schweigens erzeugen könne.
Auch politische Kräfte instrumentalisierten Opfererzählungen, indem sie sich selbst als unterdrückt inszenierten und Kritik delegitimierten. Parallel wirkten Social Media und Diagnosekulturen in therapeutische Räume hinein. Psychische Diagnosen, Neurodivergenz oder Trauma würden zunehmend identitätsstiftend genutzt. Das habe positive Seiten wie Enttabuisierung und größere Offenheit für Psychotherapie, könne aber auch Selbstdiagnosen verstärken, Verantwortung verschieben und Konflikte externalisieren. Killian-Hüttens Kernanliegen war daher ein Plädoyer für professionelle Differenzierung: Therapie müsse Unsicherheit aushalten, statt sie durch moralische Gewissheiten, Diagnosen oder Lagerzugehörigkeiten zu ersetzen.

10 Jahre systemische Traumaklinik: Wie Systemische Therapie und EMDR sich trafen und was daraus geworden ist | Dr. med. Susanne Altmeyer
Zum Abschluss des Traumafachtags blickte Chefärztin Dr. med. Susanne Altmeyer auf zehn Jahre systemische Traumaklinik zurück und zeigte, wie eng Systemische Therapie und EMDR heute im therapeutischen Alltag des Gezeiten Hauses Schloss Eichholz miteinander verbunden seien.
Unter dem Titel „10 Jahre systemische Traumaklinik: Wie Systemische Therapie und EMDR sich trafen und was daraus geworden ist“ führte sie zunächst in die Grundhaltung der Systemischen Therapie ein: psychische Belastungen würden nicht isoliert betrachtet, sondern immer im Kontext von Beziehungen, sozialen Systemen, Ressourcen und individuellen Sinnzusammenhängen.
Dabei machte sie deutlich, dass systemisches Arbeiten vor allem bedeute, Komplexität anzuerkennen, verschiedene Perspektiven einzubeziehen und Patient:innen nicht auf Symptome zu reduzieren. Stattdessen gehe es darum, Ressourcen sichtbar zu machen, Muster zu verstehen und gemeinsam gute eigene Lösungen zu entwickeln. Diese Haltung zeiet sich auch in der therapeutischen Beziehung: auf Augenhöhe, kooperativ, wertschätzend und mit einem klaren Auftrag.
Ressourcen, Erinnerung und neue innere Ordnung
Im zweiten Teil des Vortrags schlug Dr. Altmeyer die Brücke zu EMDR. Sie erläuterte die Entwicklung der Methode, das Modell der adaptiven Informationsverarbeitung und die acht Behandlungsphasen – von Anamnese und Stabilisierung über Reprozessierung bis hin zu Verankerung, Körpertest und Abschluss. Besonders eindrücklich wurde, wie gut sich EMDR in eine systemische Fallkonzeption integrieren lasse: Beide Ansätze arbeiteten ressourcenorientiert, auftragsbezogen, kreativ und mit einem starken Fokus auf Gegenwart und Zukunft. Während die Systemische Therapie den Blick auf äußere und innere Systeme öffnet, ermöglicht EMDR die Verarbeitung belastender Erinnerungen über bilaterale Stimulation und doppelte Aufmerksamkeit für Vergangenheit und Gegenwart.
Anhand einer EMDR-Skulpturarbeit zeigte Dr. Altmeyer schließlich, wie diese Verbindung praktisch aussehen kann. Ressourcen, belastende Erinnerungen, Körperempfindungen, Emotionen und positive Kognitionen wurden räumlich sichtbar gemacht und in Bewegung gebracht. So entstand ein Prozess, in dem Entlastung, Hoffnung und neue innere Ordnung erfahrbar wurden.
Ihr Fazit: Die Behandlungsmaxime der Klinik sei zutiefst systemisch und passe sehr gut zu EMDR. Stationäre Psychotherapie bedeute hier, Patient:innen auf ihrem Weg zu begleiten, Raum für Wachstum und Veränderung zu geben – und dabei auch Humor, Kreativität und Leichtigkeit nicht zu verlieren.

Konzert mit Leonie Wollersheim und Melchi Vepouyoum
Zum Ausklang des Fachtages blieb bewusst Raum für Begegnung und Austausch. Bei einem gemeinsamen Abendsüppchen nutzten viele Gäst:innen die Gelegenheit, den Tag in ruhiger Atmosphäre nachklingen zu lassen, einzelne fachliche Impulse weiterzudenken und miteinander ins Gespräch zu kommen. Dabei ging es nicht nur um die Inhalte der Vorträge, sondern auch um persönliche Erinnerungen, gemeinsame Wegmarken und die Frage, wie sich die traumatherapeutische Arbeit am Gezeiten Haus in den vergangenen zehn Jahren entwickelt hat.
Musikalisch wurde der Abend von unserer Therapeutin Leonie Wollersheim und Melchi Vepouyoum begleitet. Mit ihrem Live-Konzert schufen sie einen stimmungsvollen Abschluss, der dem Tag eine besondere Leichtigkeit gab und den fachlichen Austausch auf sehr persönliche Weise abrundete.

Save the date | 31.07.2026
Der nächste Fachtag findet in der Gezeiten Haus Klinik Schloss Eichholz in Wesseling am 31.07.2026 statt. Der Fokus wird auf der Schematherapie bei Kindern und Jugendlichen liegen. Alle Abonennt:innen unseres Newsletters für Einweiser erhalten die Einladung in den nächsten Wochen exklusiv.