Psychosomatische Zusammenhänge im Mittelpunkt des Fachtag 2025 in Oberhausen

Am 26.11.2025 fand der Fachtag im Gezeiten Haus Oberhausen mit rund 30 geladenen Gästen statt. Unter dem Titel „Seele programmiert Körper" rückte die Fortbildung das zentrale Thema Psychosomatik in den Fokus. Eine runde Fortbildung in familiärer Atmosphäre und mit interessanten praxisnahen Einblicken.

Unter dem Titel „Seele programmiert Körper" standen am ersten Oberhausener Fachtag am 26.11.2025 die breiten Zusammenhänge von psychosomatischen Symptomen im Vordergrund der Fortbildung. In drei Fachvorträgen gaben die Referent:innen zu den Themen Gesellschaft, Adipositas sowie Scheitern in der Therapie wertvolle Einblicke in ihr Erfahrungsspektrum aus dem Klinik- und Praxisalltag.

Soziale Gesundheit | Prof. Dr. Dr. med. Walter Machtemes

Prof. Dr. Dr. Walter Machtemes eröffnete den Fachtag mit einer lebendigen und zugleich tiefgründigen Einführung in das Verständnis von Seele, Gesundheit und gesellschaftlicher Verantwortung. Gleich zu Beginn machte er deutlich, dass das Gezeiten Haus weit mehr sei als eine Klinik – vielmehr eine „Therapiefamilie“, die Menschen in Zeiten von Ebbe und Flut begleitet. Die Metapher der Gezeiten zog sich als roter Faden durch seinen Vortrag: Der Mensch ist, wie die Natur, von gegensätzlichen Steuerungs- und Anpassungsmustern geprägt. „Manchmal überrollt uns die Flut“, so Machtemes – und genau dann brauche es Orte, die Orientierung geben.

Ein zentraler Gedanke: Seele und Gesellschaft beeinflussen sich gegenseitig. Psychische Symptome entstehen nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit sozialen Erwartungen, Rollenbildern und inneren wie äußeren Anforderungen. Schon Freud habe betont, dass Seele den Körper programmiert – und niemals „Unsinn“ mache. Hinter jedem Symptom stehe ein Sinn, eine Botschaft, eine Aufforderung zur Veränderung.

Machtemes spannte den Bogen zu Erich Fromm und dessen „Pathologie der Normalität“. Wer sei heute überhaupt noch „normal“ – und was bedeutet das? Viele vermeintlich „Normale“ seien innerlich überfordert. Symptome wie Angst oder Erschöpfung versteht Machtemes daher als Hinweis: Hier stimmt etwas nicht. Hier will etwas gesehen und verändert werden.

Auch literarische und kulturhistorische Bezüge fanden ihren Platz: Lessings berühmter Satz aus „Emilia Galotti“ – „Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren“ – veranschaulichte, wie stark soziale Normen und moralische Zuschreibungen Einfluss auf psychische Gesundheit nehmen. In der Chinesischen Medizin würde man das Tugendhafte „De“ nennen – eine innere Haltung, die Orientierung schenkt.

Krankheit als Ausdruck von Anpassung und Neuorientierung

Im weiteren Verlauf rückte Machtemes die Frage in den Mittelpunkt, was „gesund“ und was „krank“ überhaupt bedeutet. Die WHO-Definition helfe hier nur bedingt weiter, denn Krankheit und Kranksein seien immer individuell. Machtemes formulierte es so: Gesund ist, wer sich an verändernde Lebensbedingungen gut anpassen kann. Normalität sei letztlich das Ergebnis eines ständigen Anpassungsprozesses.

Besonderen Raum nahmen sozialpsychologische Zusammenhänge ein – von Soziopathologie über Anomie bis hin zu Übergangsphasen, die Menschen besonders verletzlich machen. Ob Schulphobie, Renteneintritt oder gesellschaftliche Orientierungslosigkeit: Wo Strukturen wegfallen, entstehen häufig Symptome. Illusionen, Enttäuschungen, Unsicherheiten – all dies spiegeln psychische Erkrankungen wider. „Angstpatient:innen klagen oft über Durchfall“, so Machtemes pointiert: „Was wollen Sie loswerden?“

Sein Schlussappell war klar: Krankheit macht Sinn. Sie ist keine Störung, sondern ein Signal. Eine Phase der Neuorientierung, in der Menschen die Chance bekommen, auszusortieren, sich neu auszurichten und ihr Leben zu justieren. Krankheit könne – im Sinne Antonovskys – sogar zu einer restaurativen, ordnenden Kraft werden.

Neuere Aspekte der Adipositas-Therapie | Birgitta Albers und Kyriakoula Manaridou

Im zweiten Vortrag des Tages gaben Birgitta Albers und Kyriakoula Manaridou vom Ameos-Klinikum einen eindringlichen Einblick in die psychischen und sozialen Hintergründe von Adipositas. Beide Referentinnen verfügen über persönliche Erfahrung mit dem Thema – ein Aspekt, der ihre Arbeit prägt und die Adipositas-Sprechstunde zu einem echten Herzensprojekt macht. Das Ameos-Klinikum behandelt Adipositas und psychische Erkrankungen bewusst gemeinsam, denn: Seit 2020 gilt Adipositas offiziell als eigenständiges Krankheitsbild – und dennoch wird sie im klinischen Alltag häufig auf das Körpergewicht reduziert.

Albers machte deutlich, dass das Gewicht oft Symptom, nicht Ursache ist. Viele Betroffene schützen sich durch einen „Panzer“, der funktional erscheint, aber seelisch belastet. Hinter Adipositas liege nicht selten eine Traumatisierung oder eine lange Geschichte emotionaler Kompensation. „Was bedeutet Essen für mich? Welche Funktion hatte es in meiner Kindheit?“ – diese Fragen stehen im Mittelpunkt ihrer therapeutischen Arbeit. Denn viele traditionelle Maßnahmen wie Ernährungsberatung oder sporadische Arztgespräche greifen zu kurz. „Was soll eine Ernährungsberater:in in drei Terminen bei 50 Kilo Übergewicht leisten?“, so Manaridou kritisch.

Psychische Dynamiken hinter Essverhalten

Im Vortrag wurde deutlich, wie eng psychische Belastungen, Traumadynamiken und Essverhalten miteinander verknüpft sind. Food Noise – das permanente gedankliche Kreisen um Essen – trete selbst nach bariatrischer Chirurgie auf und zeige, dass körperliche Eingriffe allein nicht genügen. Essverhalten sei oft Ausdruck von Stress, Frust, innerer Leere, kulturell geprägten Mustern oder dem Bedürfnis nach Selbstschutz. Auch soziale Faktoren wie Scham, Stigmatisierung und Beschämung in der Öffentlichkeit spielen eine enorme Rolle. Viele Patient:innen litten jahrelang im Verborgenen, überspielten körperliche Warnsignale oder verdrängten Zusammenhänge – häufig bis schwere Folgeerkrankungen auftraten.

Die Referentinnen machten deutlich, wie komplex die Einflussfaktoren sind: körperliche Voraussetzungen wie PCOS oder Schilddrüsenerkrankungen, fehlendes Sättigungsgefühl, depressive Symptome, sozialer Rückzug und ein fragiler Selbstwert. Viele Betroffene pendeln zwischen emotionalem Essen, Hoffnungslosigkeit und der Sehnsucht nach Entlastung – ein Kreislauf, der therapeutische Sensibilität und langfristige Begleitung erfordert.

Auch moderne Medikamente wie Ozempic wurden kritisch eingeordnet. Für einen sehr kleinen Teil der Patient:innen könne die sogenannte „Abnehmspritze“ ein Startimpuls sein – etwa bei schwerer körperlicher Vorbelastung. Doch Albers und Manaridou warnen: Medikamente und Operationen sind Hilfen, keine Lösungen. Ohne psychotherapeutische Aufarbeitung bleibe die zugrunde liegende Problematik bestehen; depressive Symptome verschwinden nicht mit der Gewichtsreduktion.

Ihr zentrales Fazit:Wer Adipositas wirksam behandeln will, muss hinter die Fassade blicken. Nicht das Kilo steht im Vordergrund, sondern die Frage, was das Essen ersetzt, schützt oder bedeckt. Therapie brauche Zeit, Beziehung und ein Verständnis für die individuelle Geschichte jedes Menschen. Nur wenn körperliche, seelische und soziale Faktoren zusammengedacht werden, kann langfristige Veränderung gelingen.

Scheitern in der Therapie | Prof. Dr. med. Peer Abilgaard

Prof. Dr. Peer Abilgaard widmete sich auf dem Fachtag einem Thema, das im klinischen Alltag präsent, aber selten offen besprochen wird: dem Scheitern von Therapien. Er zeigte, dass Scheitern kein persönliches Versagen ist, sondern aus Zuschreibungen, Erwartungsdruck und gesellschaftlichen Narrativen entsteht.

Über etymologische Beispiele verdeutlichte er, wie tief der Begriff kulturell verankert ist. Ein Fehler werde erst dann zum Scheitern, wenn innere oder äußere Instanzen ihn bewerten. Gleichzeitig stellten sich viele Therapeut:innen kaum die Frage, wie oft sie tatsächlich scheitern – und sprechen noch seltener darüber.

Abilgaard machte deutlich, dass ganze Berufsgruppen Abwehrmechanismen entwickeln. Die medizinische Kultur, geprägt von Expertise und Fehlervermeidung, erschwere den offenen Umgang mit Rückschlägen. Im Vergleich zur Luftfahrt, in der eine transparente Fehlerkultur etabliert ist, bleibe Scheitern in der Psychotherapie häufig tabuisiert.

Scheitern als Teil menschlicher Komplexität

Besonders eindrücklich waren die empirischen Daten: Bei Depressionen erreichen nur 30–50 % der Patient:innen eine Remission, selbst unter guten Bedingungen. Auch somatische Heilungsraten zeigten, dass Scheitern ein strukturelles Thema aller Professionen ist, die mit menschlicher Komplexität arbeiten.

Auf individueller Ebene beschrieb Abilgaard Scham, Schuld und Ohnmacht als typische Begleiter. Scheitern könne sogar eine Nebenwirkung von Therapie sein – etwa durch Überforderung oder Regressionen. Gleichzeitig zeigte er anhand von Fallvignetten, wie Menschen trotz widriger Umstände kreativ überleben und wachsen; kreative Ausdrucksformen könnten dabei resilienzfördernd wirken.

Im gesellschaftlichen Kontext kritisierte er Leistungsdruck und Optimierungszwang und plädierte für ein „Recht auf Scheitern“ als elementaren Teil von Menschenwürde.

Zum Abschluss betonte Abilgaard, wie wichtig es ist, Scheitern aktiv in Ausbildung, Supervision und Alltag zu integrieren. Erst wenn Therapeut:innen die damit verbundenen Emotionen würdigen und innere Bewertungsinstanzen reflektieren, werde ein Perspektivwechsel möglich – hin zu einer Sichtweise, die Scheitern als menschliche Erfahrung und potenzielle Quelle von Wachstum versteht.

Save the date | 08.05.2026

Der nächste Fachtag findet in der Gezeiten Haus Klinik Schloss Eichholz in Wesseling am 08.05.2026 statt. Der Fokus wird auf der Systemischen Therapie in Kombination mit EMDR liegen. Alle Abonennt:innen unseres Newsletters für Einweiser erhalten die Einladung in den nächsten Wochen exklusiv.

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