Orientierung in der Psychotherapie als thematischer Schwerpunkt des Fachtags 2025 in Bonn
Am 19.11.2025 fand der Fachtag im Gezeiten Haus Bonn mit über 50 geladenen Gästen statt. Unter dem Titel „Das Grundbedürfnis nach Orientierung in der Psychotherapie" rückte die Fortbildung ein zentrales Thema des therapeutischen Arbeitens in den Fokus. Eine runde Fortbildung in familiärer Atmosphäre und interessanten praxisnahen Einblicken.
Unter dem Titel „Das Grundbedürfnis nach Orientierung in der Psychotherapie" rückte der Fachtag am 19.11.2025 ein zentrales Thema des therapeutischen Arbeitens in den Fokus. In vier Fachvorträgen gingen die Referent:innen auf die Themen Frauengesundheit, Patientenbedürfnisse in unterschiedlichen Lebensphasen, neurobiologische und traditionell chinesische Perspektiven auf Selbstregulation sowie gesellschaftliche Orientierungsprozesse ein und gaben wertvolle Einblicke in ihr Erfahrungsspektrum aus dem Klinik- und Praxisalltag. Ein weiteres Highlight des Fachtags war die Vernissage von Künstlerin Annette Predeek, die seit dem Fachtag 10 ausgewählte Kunstwerke in der Klinik ausstellt.
Frauengesundheit in Psychosomatik und Psychotherapie | Dr. med. Andrea Hocke und Dr. med. Sarah Wemme
Der Fachtag startete mit dem Vortrag von Dr. Sarah Wemme und Dr. Andrea Hocke, der eindrücklich beleuchtete, wie stark die Frauengesundheit noch immer von strukturellen Lücken in der Medizin geprägt ist. Die Referentinnen erinnerten an den historischen Gendergap – vom Contergan-Skandal bis hin zu aktuellen Fehldeutungen körperlicher Symptome. So werden Herzinfarkte bei Frauen noch immer später erkannt; im Durchschnitt vergehen zwei Stunden länger bis zur Behandlung, weil die Symptome atypisch erscheinen.
Dr. Sarah Wemme betonte aber auch den Fortschritt des Themas: „Auch wenn das Bewusstsein für Frauengesundheit noch nicht lange im Fokus steht: Es tut sich etwas.“ Erste Forschungen und Studien sind vorhanden. Die Daten zeigen, dass depressive Frauen doppelt so viele genetische Marker aufweisen, die mit Depressionen assoziiert sind – ein Hinweis auf die Notwendigkeit geschlechtsspezifischer Diagnostik und Versorgung.
Ein Schwerpunkt lag auf gynäkologisch-psychosomatischen Beschwerdebildern. Dr. Andrea Hocke beschrieb typische Situationen aus der Praxis: Unterbauchschmerzen, sexuelle Dysfunktionen oder retraumatisierende Geburtserlebnisse gehören zur täglichen Routine. Besonders häufig treten genito-pelvine Schmerzstörungen auf. Am Beispiel einer Patientin mit Vulvodynie zeigte sie, wie oft über Jahre hinweg ausschließlich körperliche Ursachen gesucht werden – ohne die Möglichkeit psychischer Zusammenhänge überhaupt anzusprechen. Ihre Erfahrung: „Ich habe kaum eine Patientin, die nur ein reines Vulva-Thema hat.“
Beide stellten klar: Ein ausführlicher diagnostischer Fragebogen und ein sensibler Umgang mit Scham sind essenziell. Scham erschwert das Öffnen, verhindert wichtige Informationen – und beeinflusst den Verlauf. Dr. Sarah Wemme nannte dies treffend die „Scham-Lippe“. Das Gefühl, ernst genommen zu werden, sei häufig das erste „Medikament“ auf dem Weg zur Besserung.
Dr. Andrea Hocke ergänzte, dass das Wissen über viele frauenspezifische Erkrankungen noch immer rudimentär sei. Kommunikation und Bewusstsein für Frauengesundheit hätten historisch – aber auch heute – deutlichen Nachholbedarf.
Im weiteren Verlauf sprachen die Referentinnen über zentrale Themen der psychosomatischen Frauengesundheit:
• Vaginismus: Seit ICD-11 endlich als eigenständige Diagnose im Kapitel „Sexuelle Dysfunktionen“ geführt.
• PMDS: Zyklusabhängige, teils extreme Stimmungsschwankungen.
• Endometriose: Häufige Ursache chronischer Schmerzen. Die Diagnose erfolgt oft spät, da Menstruationsschmerzen verharmlost werden; viele junge Patientinnen berichten von Schulausfällen.
• Schwangerschaft und Geburt: Unrealistische Erwartungen durch mediale Idealbilder. Re-Traumatisierungen entstehen häufig weniger durch dramatische Geburten als durch mangelnde wertschätzende Kommunikation im Kreißsaal. Schuld und Scham, z. B. nach einem Kaiserschnitt, sind verbreitet.
• Psychoonkologie: Die Frage „Was denken die anderen?“ beschäftigt viele Betroffene – Scham über sichtbare Veränderungen wie Haarausfall oder den Verlust der Brust.
• Klimakterium: Beschwerden wirken sich auf Berufs- und Familienleben aus. Viele Frauen bemerken den schleichenden Beginn nicht und erleben plötzlich eine verminderte Belastbarkeit.
Zum Abschluss teilten beide Expertinnen zahlreiche Literaturempfehlungen und betonten erneut: Ernst genommen zu werden, gesehen zu werden und offen sprechen zu dürfen – das ist oft der wichtigste therapeutische Schritt.

Orientierung in den verschiedenen Lebensphasen, therapeutische Erfahrungen mit lebensphasenspezifischen Angeboten in der Psychotherapie | Dr. med. André Kümmel und Jessica Debusmann
Im zweiten Vortrag lag der Schwerpunkt auf der Frage, wie sich therapeutische Orientierung und Entwicklungsbegleitung bei jüngeren Erwachsenen gestalten lassen. Jessica Debusmann, die im Gezeiten Haus Bonn die U-30-Gruppe leitet, gab Einblicke in ein geschütztes Peer-Group-Setting, das speziell auf die Lebensphase der frühen Erwachsenenzeit zugeschnitten ist.
Sie betonte, dass Belastungsthemen in dieser Altersgruppe deutlich anders ausgeprägt sind als bei älteren Patient:innen. Typische Schwellenmomente - Studienbeginn, Berufsorientierung, der Übergang in eine eigenständige Lebensgestaltung – beeinflussen sowohl das innere Sicherheitserleben als auch die äußere Stabilität. Viele Patient:innen berichten von negativen Erfahrungen im Schul- oder Studienkontext, häufig verbunden mit Mobbing oder chronischem Leistungsdruck.
Auch die Auswirkungen der Corona-Pandemie wirken nach: Korrektive soziale Erfahrungen waren in dieser Zeit kaum möglich. „Anderssein“ erhält in dieser Phase eine zentrale Bedeutung für Selbstachtung – gleichzeitig ist es angstbesetzt und mit Unsicherheiten verbunden. Viele der jungen Patient:innen kommen zunächst mit sozialen Ängsten oder sozialer Phobie in Kombination mit depressiven Symptomen. Debusmann machte deutlich, dass hinter einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstruktur häufig vielfältige biografische Faktoren stehen können, die differenziert betrachtet werden müssen.
Therapeutisch geht es vor allem darum, Orientierung zu vermitteln und Räume für Entwicklung zu öffnen – ohne diese Entwicklung vorzugeben. „Wir müssen die Patient:innen dort abholen, wo sie gerade stehen“, betonte sie. Ein zentrales Ziel sei es, den Moment zu fördern, in dem Patient:innen spüren: „Das kommt aus mir selbst heraus“ – unabhängig von äußeren Meinungen oder Social-Media-Ratschlägen.
Weitere Schwerpunkte der Behandlung umfassen Achtsamkeit auf verschiedenen Ebenen, das Erlernen von Skills, den Abbau sozialer Ängste und Vermeidungsverhalten sowie die Erweiterung des individuellen Toleranzfensters. Ein wichtiges Thema in der Arbeit mit jüngeren Erwachsenen: Viele lassen sich gerne Dinge vorgeben und „erfüllen“ diese dann – allerdings ohne eine echte innere Entscheidung zu treffen. Therapie bedeutet hier, nicht performen zu müssen, sondern echte Selbstregulation und Selbstbefähigung zu erleben.
Dabei spielt die Frage eine zentrale Rolle: Was ist echte Selbstfürsorge – und was ist Vermeidung? Das Erkennen eigener Bedürfnisse, das Zulassen von Rückzug, aber auch das bewusste Heraustreten daraus sind wesentliche Bestandteile des Prozesses.
Zum Abschluss präsentierte Debusmann eine Auswahl an Materialien und Buchempfehlungen, darunter ACT-basierte Karten zu Fähigkeiten und Werten, die Patient:innen helfen, ihre Verhaltensweisen sowohl aus aktiver als auch aus passiver Perspektive zu reflektieren und so mehr innere Klarheit zu gewinnen.
Das Alter bringt wertvolle Ressourcen mit
Dr. med. André Kümmel knüpfte an die Perspektiven seiner Kollegin Jessica Debusmann an und richtete den Blick auf Patient:innen über 60 Jahren - eine Altersgruppe mit ganz eigenen Themen und Ressourcen. Viele ältere Menschen verfügen bereits über ein stabiles Selbstbild und eine gewachsene emotionale Reife. Gleichzeitig verändert sich ihr soziales Umfeld spürbar: Freundeskreise dünnen aus, Partnerschaften verschieben sich, und der Übergang in den Ruhestand bringt sowohl Freiräume als auch den Verlust von Struktur und Sinn. Häufig begegnet ihm der Satz: „Ich habe so viel gearbeitet – jetzt weiß ich gar nicht mehr, was ich machen soll.“ Genau hier setzt die Therapie an, indem sie hilft, Interessen neu zu entdecken und Perspektiven zu erweitern.
Dr. André Kümmel betonte, wie wichtig eine altersgerechte, entschleunigte und klar strukturierte therapeutische Haltung ist - auch mit Blick auf kognitive oder sensorische Einschränkungen. Zentral ist zudem die Motivationsarbeit, da ältere Patient:innen oft noch mit Klischees gegenüber Psychiatrie und Psychotherapie kommen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ärzt:innen, Schmerztherapie, Physiotherapie und Konsiliardiensten ist dabei ebenso entscheidend wie die Einbindung von Angehörigen. Auch körperorientierte Methoden wie Qi Gong können eine wichtige Rolle spielen.
Inhaltlich stehen häufig Themen wie Verlust, Einsamkeit, chronische Erkrankungen, Zukunftsängste oder die Auseinandersetzung mit Endlichkeit und Pflegebedürftigkeit im Vordergrund. Viele Patient:innen befinden sich in biografischen Bilanzierungsprozessen – zwischen Dankbarkeit, Reue, Sinnsuche und dem Wunsch, das eigene Leben stimmig abzurunden. Therapie unterstützt dabei, dysfunktionale Gedanken abzubauen, eine neue Tagesstruktur zu entwickeln, soziale Kontakte zu stärken und eine reife Identität jenseits von Arbeit und Leistungsrollen zu finden.
Abschließend ging er auf Besonderheiten der Psychopharmakotherapie im Alter ein, die aufgrund veränderter physiologischer Voraussetzungen eine besonders sorgfältige Anpassung erfordert.

Orientierung und Selbstregulation in Neurobiologie und Traditionell Chinesischer Medizin | Dr. med. Steffen Escherich und Tao Lu
Der dritte Vortrag des Fachtags widmete sich dem Thema Orientierung und Selbstregulation, wobei Dr. med. Steffen Escherich das Thema aus Perspektive der westlichen Neurobiologie beleuchtet hat, während Tao Lu aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin auf das Thema geblickt hat.
Zu Beginn des Vortrags machte Dr. med. Steffen Escherich schnell deutlich, weshalb er den Schlaf als Beispiel gewählt hat, um die neurobiologische Perspektive zu erläutern: Schlaf dient nicht nur der körperlichen Erholung, sondern ist auch eine zentrale Voraussetzung für emotionale Verarbeitung und spielt damit eine wichtige Rolle in der Psychotherapie. Erinnerungen werden sortiert, das Immunsystem gestärkt, der Stoffwechsel reguliert – psychotherapeutische Prozesse können nur dann nachhaltig wirken, wenn die nächtliche Regeneration funktioniert.
Er erläuterte außerdem, dass die neurobiologische Sicht Schlaf als Zusammenspiel mehrerer innerer Taktgeber versteht. Die wichtigste innere „Uhr“ sitze im Gehirn und gebe unseren Grundrhythmus vor, während gleichzeitig Hormone, Licht und die Körpertemperatur beeinflussen, wann wir wach oder müde werden. Meist bemerken Menschen diese feinen Abläufe erst, wenn sie gestört werden, etwa durch Stress, Schichtarbeit oder psychische Erkrankungen.
„In der Neurobiologie ist unsere Grundhaltung reduktionistisch und analytisch. Wir wollen bis ins Kleinste von außen nach innen vordringen. Der diagnostische Fokus ist immer die Suche nach dem Messbaren, also dass man in Experimenten etwas belegen und daraus Theorien ableiten kann“, erklärte Dr. med. Steffen Escherich. Als praktisches Beispiel hierfür nutzte er das Zwei-Faktoren-Modell, um die Auswirkung verschiedener Faktoren auf unseren Schlaf zu beschreiben.
Dem Modell zufolge steigt der Schlafdruck, je länger wir wach sind – dadurch werden wir abends normalerweise müde. Gleichzeitig hat der Körper aber einen inneren Tagesrhythmus, der in bestimmten Phasen aktivierend wirkt, selbst wenn wir erschöpft sind. Dieser Rhythmus kann zum Beispiel durch helles Bildschirmlicht am Abend oder emotionalen Stress kurzzeitig „hochgefahren“ werden. Genau deshalb erleben viele Menschen am Abend ein „zweites Hoch“: Der Körper schaltet noch einmal in einen wachen Modus, obwohl wir vorher bereits schlafbereit waren.
Zusammenfassend verdeutlichte Dr. med. Steffen Escherich am Ende seines Vortrags nochmal, dass gerade dieser analytische Blick der Neurobiologie Patient:innen eine klare Orientierung bietet und es ermöglicht, sie bestmöglich zu unterstützen.
Körper, Qi und Shen als Wegweiser innerer Ordnung
Im zweiten Teil des Vortrags eröffnete Tao Lu die Perspektive der Traditionellen Chinesischen Medizin auf die Themen Orientierung und Selbstregulation. So erläuterte er einführend zunächst, dass der Mensch laut der TCM über drei grundlegende Aspekte beschrieben wird: Körper, Qi und Shen. Damit bietet sie ein Modell, das Patient:innen häufig hilft, innere Zusammenhänge intuitiver zu verstehen.
Die drei Ebenen definierte er wie folgt:
• Körper: Das Materielle wie Organe, Blut und andere Flüssigkeiten.
• Qi: Die Lebensenergie, die Funktionsabläufe antreibt.
• Shen: Das Bewusstsein, die innere Orientierung und die Kraft, die dem Leben Richtung gibt.
Besonders Shen erhielt in diesem Vortrag Aufmerksamkeit. Es bezeichnet jene Instanz, die unsere innere Ordnung, unsere Wachheit und unsere seelische Stabilität zusammenhält. Die TCM geht davon aus, dass Shen bereits bei der Entstehung eines Menschen verankert wird und sich im Laufe des Lebens weiter entfaltet.
Die TCM unterscheidet zwischen einem angeborenen Shen, das natürliche Rhythmen, Impulse und Grundbedürfnisse begleitet, und einem erworbenen Shen, das durch Erziehung, Kultur, Schule oder gesellschaftliche Erwartungen geprägt wird. Konflikte zwischen diesen beiden Ebenen können innere Unruhe erzeugen und damit auch Schlafstörungen, Ängste oder depressive Spannungszustände begünstigen. Mithilfe eines Fallbeispiels verdeutlichte Tao Lu, wie ein junger Mann zwischen eigenen Bedürfnissen und erlernten strengen Normen geriet. Die daraus entstehende Diskrepanz zeigte sich vor allem nachts: als Grübeln, Anspannung und anhaltende Schlaflosigkeit. Die TCM nimmt solche inneren Konflikte sehr ernst, da sie den Shen beeinträchtigen und dadurch die Regulationsfähigkeit des ganzen Organismus einschränken kann.
Am Ende wurde noch einmal klar: Trotz unterschiedlicher Begrifflichkeiten sprechen Neurobiologie und TCM über denselben Kern menschlicher Gesundheit. Beide Perspektiven zeigen auf ihre Weise, dass Gesundheit nur dann möglich ist, wenn innere Prozesse stimmig sind, Orientierung möglich wird und der Mensch Zugang zu seiner eigenen regulierenden Kraft findet.

Das Grundbedürfnis nach Orientierung in der Psychotherapie | Ulf Bernhard Krause
Im letzten Vortrag des Fachtags beschäftigte sich Ulf Bernhard Krause mit dem Grundbedürfnis des Menschen nach Orientierung und dessen Bedeutung für uns und unsere Gesellschaft.„Das Wort Gemeinschaft ist heute praktisch komplett ersetzt worden durch das Wort Gesellschaft. Das ist für mich ganz sinnbildlich. Gesellschaft ist ein abstrakter Resonanzraum für das Subjekt. Wir sind zusammen, treten aber nicht untereinander in Kontakt, sondern wir treten abstrakt mit einem Resonanzraum in Kontakt" eröffnete Ulf Bernhard Krause seinen Vortrag. Grund dafür ist das Fehlen der Menschlichkeit: In der heutigen Zeit schauen viele Menschen stark auf ihr eigenes „Ich“ und denken, dass wir alles über Denken, Entscheidungen und Selbstverwirklichung steuern können.
Aus psychotherapeutischer Sicht macht Ulf Bernhard Krause deutlich: Menschen bestehen nicht nur aus ihrem denkenden, planenden Teil – egal wie sehr sie sich genau das zur Orientierung wünschen. Vieles in uns können wir nicht vollständig kontrollieren – zum Beispiel unseren Körper, unsere Gefühle, unser Altern, unseren Schlaf oder die Tatsache, dass das Leben begrenzt ist. Diese Anteile kann man nicht einfach beseitigen oder zu einem weiteren Selbstoptimierungsprojekt machen, auch wenn sie viel Verunsicherung in uns auslösen. Wenn man versucht, nur das starke Subjekt zu sein, passiert oft das Gegenteil: Das, was man ignoriert und abspaltet, kommt später umso stärker zurück. Krause nennt hierfür unter anderem Prominente wie Michael Jackson oder Elon Musk als Beispiele, die zeigen, wie gefährlich diese Einseitigkeit werden kann. Wer Selbstverwirklichung zur einzigen Orientierung macht, kann schnell die Bedürfnisse anderer Menschen oder die der Umwelt ausblenden – teilweise mit zerstörerischen Folgen.
Er stellt klar, dass es ihm allerdings nicht darum geht, unsere moderne Gesellschaft vollkommen umzukehren, sondern vielmehr darum, sie kritisch auf ihre Menschlichkeit zu hinterfragen. So ist diese Einseitigkeit für moderne Bewegungen zum Beispiel oft wichtig: Nur so können bestimmte Aspekte von uns ausgeblendet und Veränderung überhaupt erst möglich werden. Krause nennt das, mit Bezug auf Lacan, ein „hysterisches Muster“: Man spaltet etwas ab, um Kraft zum Handeln zu bekommen. Doch auch hier kommt das Ausgeblendete später wieder zurück. Das zeigt sich laut dem Referenten in vielen aktuellen Bereichen, etwa in der Klimapolitik oder in Fragen rund um Geschlecht und Identität. Bewegungen, die stark nach vorne gehen, sind immer auch verletzlich, weil sie manche Teile der Wirklichkeit ausblenden müssen. Die Rückkehr des Verdrängten zeigt sich dann oft in heftigen Gegenreaktionen oder gesellschaftlichen Konflikten.
Eine Lösung können wir nach Ulf Bernhard Krause also nur in einer "mittleren Position“ finden. Eine dialektische Haltung, die beide Seiten gleichzeitig sehen kann, ohne dabei in den Stillstand zu kommen: Das eigene, selbstbestimmte Handeln und auch alles, was wir im Leben nicht kontrollieren können. Diese mittlere Position hilft, weder in extreme Selbstverwirklichung noch in totale Selbstaufgabe zu fallen. Für die Psychotherapie bedeutet das, Menschen wieder mit ihrem echten Leben und ihrer Menschlichkeit in Verbindung zu bringen – mit ihren Möglichkeiten, aber auch mit ihren Grenzen. Erst die Verbindung von Kontrolle und Nicht-Kontrolle, von Gestalten und Geschehenlassen, macht menschliche Erfahrung vollständig und bietet uns damit eine wirkliche Orientierung, auch in schwierigen Zeiten.

Vernissage von Annette Predeek
Neben den Fachvorträgen stand in der Kaffeepause außerdem ein ganz besonderer Punkt auf dem Programm: Künstlerin Annette Predeek präsentierte im Rahmen einer Vernissage zehn ausgewählte Kunstwerke, die ab sofort im Gezeiten Haus Bonn zu sehen sind. Die Gäste des Fachtags konnten die Werke in Ruhe betrachten und mit der Künstlerin persönlich ins Gespräch kommen.
Zu ihren Arbeiten sagt sie: „Augenblicke können wir nicht festhalten, aber kleine Stücke von ihnen in Bilder einzubringen ist sicher die schönste Art, Zeit einzusammeln und Spuren zu hinterlassen.“ Entsprechend verarbeitet sie in ihren Werken Materialien, die selbst Geschichten tragen – etwa Sand von besonderen Orten, antiken Steinstaub aus historischen Stätten oder persönliche Fundstücke wie alte Briefe, Notizen und Rezepte. So hat Predeek für die im Gezeiten Haus ausgestellten Kunstwerke unter anderem antike Uhrenteile, Steinstaub der benachbarten Godesburg und alte Schriftstücke verwendet – besondere Elemente, die in jedem Bild eine eigene, stille Geschichte weiterleben lassen.

Save the date | 08.05.2026
Der nächste Fachtag findet in der Gezeiten Haus Klinik Schloss Eichholz in Wesseling am 08.05.2026 statt. Der Fokus wird auf der Systemischen Therapie in Kombination mit EMDR liegen. Alle Abonennt:innen unseres Newsletters für Einweiser erhalten die Einladung in den nächsten Wochen exklusiv.