Einblicke in die Schematherapie beim Fachtag auf Schloss Eichholz

Am 31.07.2026 fand der Jubiläumsfachtag „Schematherapie im Fokus: Konzepte, Gruppensetting und Fallarbeit aus der klinischen Praxis“ der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Gezeiten Haus Schloss Eichholz statt.

Unter dem Motto „Schematherapie im Fokus: Konzepte, Gruppensetting und Fallarbeit aus der klinischen Praxis“ lud unsere Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Gezeiten Haus Schloss Eichholz zum diesjährigen Fachtag ein. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen sowohl die theoretischen Grundlagen als auch die praktische Anwendung der Schematherapie im Einzel- und Gruppensetting sowie ihre Integration in den klinischen Alltag. 

Nach der Begrüßung durch Chefärztin Dr. med. Leonie Drees erhielten die Teilnehmenden in zwei Fachvorträgen von Dr. phil. Neele Reiss Einblicke in die Grundlagen der Schematherapie sowie in ihre Anwendung im Gruppensetting. Ein anschließender klinischer Fallbericht von Dr. med. Leonie Drees zeigte praxisnah, wie die Methode bereits erfolgreich bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen eingesetzt wird und welche Chancen sie für die zukünftige Versorgung bietet.

Einführung in die Schematherapie | Dr. phil. Neele Reiss

Im Einführungsvortrag gab Dr. Neele Reiss einen umfassenden Überblick über die Grundlagen, Konzepte und aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Schematherapie. Sie stellte die Entwicklung der Methode sowie ihre theoretischen Grundlagen vor und erläuterte, warum sich die Schematherapie insbesondere bei Patient:innen mit Persönlichkeitsstörungen und langjährigen interaktionellen Mustern als wirksam erwiesen hat.

Zu Beginn beschrieb Dr. Reiss den Hintergrund der Schematherapie. Ursprünglich sei sie für Patient:innen entwickelt worden, die auf klassische kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze nur unzureichend angesprochen hätten. Die Methode verbinde Elemente der Verhaltenstherapie mit Konzepten aus der Bindungstheorie, Tiefenpsychologie und emotionsorientierten Verfahren. Im Mittelpunkt stehe dabei die Annahme, dass frühe Beziehungserfahrungen langfristig prägende Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster – sogenannte Schemata – entstehen lassen.

Sicherheit, Beziehung und Gruppenkohäsion

Anschließend erläuterte Dr. Reiss das Schema-Konzept näher. Schemata entwickelten sich insbesondere dann, wenn grundlegende emotionale Bedürfnisse in Kindheit und Jugend – etwa nach Sicherheit, Bindung, Autonomie, Selbstwert oder freiem Gefühlsausdruck – nicht ausreichend erfüllt würden. Diese frühen maladaptiven Schemata beeinflussten die Wahrnehmung der eigenen Person, anderer Menschen und zwischenmenschlicher Beziehungen oft bis ins Erwachsenenalter und könnten psychische Beschwerden langfristig aufrechterhalten.

Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags lag auf dem Modusmodell, das aktuelle emotionale Zustände und Verhaltensweisen beschreibt. Im Gegensatz zu den relativ stabilen Schemata wechselten Modi häufig und spiegelten wider, wie Menschen auf innere oder äußere Belastungen reagierten. Dr. Reiss stellte dabei verschiedene Kind-, Eltern- und Bewältigungsmodi vor und verdeutlichte, wie diese sich gegenseitig beeinflussen. Ziel der Therapie sei es, belastende Modi zu erkennen, dysfunktionale Bewältigungsstrategien zu reduzieren und den „gesunden Erwachsenen“ sowie das „glückliche Kind“ zu stärken.

Darüber hinaus ging sie auf die therapeutischen Interventionen der Schematherapie ein. Neben kognitiven und verhaltensorientierten Techniken komme insbesondere der therapeutischen Beziehung eine zentrale Bedeutung zu. Im Konzept des „Limited Reparenting“ ermögliche die therapeutische Beziehung korrigierende emotionale Erfahrungen, indem zentrale Bedürfnisse der Patient:innen innerhalb eines professionellen Rahmens berücksichtigt würden. Ergänzt werde dies durch emotionsfokussierte Methoden wie Imaginationsübungen und Stuhldialoge, mit denen belastende Erfahrungen unmittelbar bearbeitet werden könnten.

Therapeutische Beziehung und emotionsfokussierte Methoden

Zum Abschluss stellte Dr. Reiss die aktuelle Studienlage zur Schematherapie vor. Sie berichtete über deutliche Wirksamkeitsnachweise, insbesondere bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen, sowohl in der Einzel- als auch in der Gruppentherapie sowie im stationären Setting. Darüber hinaus verwies sie auf positive Ergebnisse bei weiteren Störungsbildern wie chronischer Depression, Zwangsstörungen, Essstörungen, sozialer Phobie und posttraumatischen Belastungsstörungen. Insgesamt zeigten die bisherigen Studien, dass die Schematherapie nicht nur psychopathologische Symptome wirksam reduzieren, sondern auch die Lebensqualität verbessern und langfristig kosteneffektiv eingesetzt werden könne.

Schematherapie in Gruppen | Dr. phil. Neele Reiss

Den Einstieg in den zweiten Vortrag gestaltete Dr. Neele Reiss mit einer Einführung in die schematherapeutische Gruppentherapie. Dabei stellte sie das therapeutische Konzept, den strukturellen Aufbau sowie die besonderen Chancen und Herausforderungen der Gruppenbehandlung vor und zeigte anhand aktueller Studien ihre Wirksamkeit auf.

Zu Beginn erläuterte sie das grundlegende Modell der schematherapeutischen Gruppentherapie. Ziel sei es, die Ressourcen der Gruppe gezielt für die therapeutische Arbeit mit dem einzelnen Menschen zu nutzen und gleichzeitig individuelle Erfahrungen für alle Gruppenmitglieder gewinnbringend einzubeziehen. Anders als in der Einzeltherapie entstünden in der Gruppe zahlreiche zusätzliche Beziehungserfahrungen, die therapeutisch genutzt werden könnten. Ein zentrales Element sei dabei das sogenannte Limited Reparenting: Nicht nur die Therapeut:innen, sondern auch die Gruppe könne dazu beitragen, korrigierende emotionale Erfahrungen zu ermöglichen und grundlegende psychische Bedürfnisse nach Sicherheit, Zugehörigkeit und Akzeptanz zu erfüllen.

Anschließend ging Dr. Reiss auf den organisatorischen Aufbau der Gruppentherapie ein. Empfohlen werde eine Gruppengröße von etwa acht Patient:innen sowie die Arbeit mit zwei Therapeut:innen, die unterschiedliche Rollen übernähmen. Während sich eine Person vor allem auf den therapeutischen Prozess mit einzelnen Teilnehmenden konzentriere, beobachte die zweite die Dynamik der gesamten Gruppe und unterstütze bei Bedarf einzelne Patient:innen. Ebenso spiele die Gestaltung des Gruppenraums eine wichtige Rolle. Eine angenehme Atmosphäre sowie ein geschützter Rückzugsort – die sogenannte „Safety Corner“ – könnten dazu beitragen, emotionale Sicherheit zu schaffen und eine konstruktive Mitarbeit auch in belastenden Situationen zu ermöglichen.

Besonders betonte Dr. Reiss die Bedeutung einer tragfähigen therapeutischen Beziehung innerhalb der Gruppe. Durch eine wertschätzende Haltung, verlässliche Strukturen und gemeinsam entwickelte Gruppenregeln entstehe ein geschützter Rahmen, in dem belastende Erfahrungen bearbeitet werden könnten. Gleichzeitig werde die Kohäsion innerhalb der Gruppe gezielt gefördert, indem Gemeinsamkeiten sichtbar gemacht, Unterschiede akzeptiert und unterstützende Interaktionen zwischen den Teilnehmenden gestärkt würden. Konflikte seien dabei kein Störfaktor, sondern würden als wichtige Lerngelegenheiten verstanden, sofern sie therapeutisch begleitet und konstruktiv bearbeitet würden.

Modusarbeit zwischen Struktur und Flexibilität

Im weiteren Verlauf stellte Dr. Reiss die praktische Arbeit mit den verschiedenen Modi innerhalb der Gruppentherapie vor. Wie bereits in der Einzeltherapie bilde das Modusmodell die Grundlage der Behandlung. Die therapeutischen Interventionen orientierten sich daran, welche emotionalen Zustände und Bewältigungsstrategien aktuell in der Gruppe präsent seien. Neben einem geplanten Sitzungsverlauf sei deshalb stets Flexibilität erforderlich, um auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden angemessen reagieren zu können.

Für die unterschiedlichen Modi beschrieb sie spezifische therapeutische Vorgehensweisen. So werde bei Patient mit ausgeprägten Bewältigungsmodi zunächst Sicherheit geschaffen und verdeutlicht, dass problematische Verhaltensweisen lediglich einen vorübergehenden Modus und nicht die gesamte Persönlichkeit widerspiegelten. Beim vulnerablen Kind-Modus stünden Schutz, emotionale Unterstützung und die Förderung positiver Gruppenerfahrungen im Vordergrund. Der Umgang mit dem wütenden Kind-Modus erfordere dagegen einerseits die Validierung der zugrunde liegenden Gefühle, andererseits aber auch klare Grenzen, um die Sicherheit der Gesamtgruppe zu gewährleisten. Dysfunktionale Elternmodi würden durch Psychoedukation, Rollenspiele und imaginative Verfahren hinterfragt, während gleichzeitig der gesunde Erwachsenenmodus sowie das glückliche Kind gezielt gestärkt würden.

Dabei komme eine Vielzahl therapeutischer Methoden zum Einsatz. Neben kognitiven und verhaltensorientierten Interventionen nutze die Gruppenschematherapie insbesondere emotionsfokussierte Verfahren wie Imaginationsübungen, Stuhldialoge oder gemeinsame erfahrungsorientierte Übungen. Auch gemeinsame Aktivitäten – beispielsweise Spiele, kreative Angebote oder alltagsnahe Projekte – könnten dazu beitragen, positive emotionale Erfahrungen zu ermöglichen und den Modus des glücklichen Kindes nachhaltig zu fördern.

Wirksamkeit der Gruppenschematherapie

Abschließend stellte Dr. Reiss die bisherige Studienlage zur schematherapeutischen Gruppentherapie vor. Obwohl bislang vergleichsweise wenige Untersuchungen vorlägen, zeigten die bisherigen Studien deutliche Verbesserungen, insbesondere bei Patient:innen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung. Sowohl die Symptomatik als auch die allgemeine psychische Belastung hätten sich im Verlauf der Behandlung signifikant reduziert. Insgesamt verdeutlichten die bisherigen Ergebnisse, dass die Gruppenschematherapie – speziell in Kombination mit einer Einzeltherapie – eine wirksame Möglichkeit darstelle, emotionale Veränderungsprozesse anzustoßen und langfristig stabile zwischenmenschliche Erfahrungen zu fördern.

Multimodale Behandlung eines Jugendlichen mit schwerer Zwangsstörung | Dr. med. Leonie Drees

Dr. med. Leonie Drees stellte in ihrem Vortrag die Behandlung eines jugendlichen Patienten vor, der aufgrund einer schweren Zwangsstörung erneut freiwillig vollstationär aufgenommen wurde. Im Mittelpunkt stand der Weg von einer zunächst notwendigen Akutbehandlung hin zu einer tragfähigen psychotherapeutischen Arbeit. Der Fall verdeutlichte, wie komplex die diagnostische Einordnung und therapeutische Begleitung bei ausgeprägter Zwangssymptomatik im Jugendalter sein kann.

Zu Beginn der Behandlung standen massive Rückversicherungs-, Kontroll- und Wiederholungszwänge, eine ausgeprägte Kontaminationsangst sowie Vermeidungsverhalten im Vordergrund. Hinzu kamen starke Todes- und Katastrophenängste, Trennungsangst, Selbstgespräche sowie motorische Tics. Besonders herausfordernd war die Ambivalenz des Patienten gegenüber seiner Symptomatik: Einerseits bestand ein hoher Leidensdruck, andererseits wurden die Zwänge auch als sicherheitsgebend erlebt.

Belastungen im Alltag und im familiären System

Die Symptomatik hatte erhebliche Auswirkungen auf den Alltag des Jugendlichen. Schlafprobleme, Tagesmüdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, häufiges Zuspätkommen zur Schule und sozialer Rückzug prägten die Situation. Auch das familiäre System war stark belastet, da die Eltern in die Rückversicherungszwänge eingebunden waren und es immer wieder auch zu Eskalationen kam. Perspektivisch wurde nach der stationären Behandlung eine therapeutische Wohngruppe geplant.

Ein wichtiger Teil des Vortrags war die differenzialdiagnostische Abgrenzung. Aufgrund einzelner Symptome stand zunächst auch die Frage nach einer psychotischen Störung im Raum. Im Verlauf bestätigte sich jedoch eine schwere Zwangsstörung mit geringer Krankheitseinsicht als führende Diagnose. Daneben wurden unter anderem eine Tic-Störung, eine Angststörung sowie eine mögliche Autismus-Spektrum-Störung differenzialdiagnostisch betrachtet.

Das Behandlungskonzept wurde multimodal aufgebaut. In der Akutphase stand zunächst die Herstellung der Behandlungsfähigkeit im Vordergrund, unter anderem durch eine intensive psychopharmakologische Einstellung. Anschließend konnte die psychotherapeutische Behandlung stärker greifen. 

Schematherapeutische Arbeit mit Unsicherheit

Ergänzend wurden schematherapeutische Interventionen eingesetzt. Ziel war es, dysfunktionale Schemata abzubauen, die Emotionsregulation zu verbessern und zwanghafte Bewältigungsstrategien langfristig zu reduzieren. Besonders hervorgehoben wurde der therapeutische Perspektivwechsel: Nicht absolute Sicherheit sollte erreicht werden, sondern die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten. In der schematherapeutischen Arbeit ging es unter anderem um Modi wie das vulnerable Kind, den Zwangs-Modus, den ängstlichen Beschützer, den strafenden Modus und den Aufbau eines gesunden Erwachsenenmodus.

Neben Psychotherapie und Medikation spielte auch das therapeutische Milieu eine wichtige Rolle. Dazu gehörten strukturgebende Milieutherapie, Bezugspflege, Unterstützung bei Expositionen im Stationsalltag, Fachtherapien wie Musik-, Kunst- und Bewegungstherapie, Methoden der Traditionellen Chinesischen Medizin, Sozialdienst, Krisenintervention, Rückfallprophylaxe sowie der Einbezug der Eltern und der geplanten Wohngruppe.

Im Verlauf zeigte sich eine schrittweise Reduktion der Symptomatik, sodass eine Weiterbehandlung im tagesklinischen Setting möglich wurde. Gleichzeitig verbesserten sich das psychosoziale Funktionsniveau und die familiäre Situation deutlich. Auch Übernachtungen zu Hause an den Wochenenden wurden wieder möglich, und der Übergang in eine therapeutische Wohngruppe konnte begleitet werden.

Fazit: Differenzierte Diagnostik und abgestimmte Behandlung

Als Fazit machte Dr. med. Leonie Drees deutlich, dass schwere Zwangsstörungen initial psychotisch imponieren können und eine sorgfältige diagnostische Einordnung benötigen. Expositionsbasierte Verhaltenstherapie bleibt dabei ein zentraler Behandlungsbaustein. Schematherapeutische Interventionen können ergänzend helfen, tieferliegende dysfunktionale Grundannahmen zu bearbeiten und langfristige Stabilisierung zu ermöglichen. Entscheidend für den Therapieerfolg war in diesem Fall vor allem das eng abgestimmte, multimodale Behandlungskonzept.

Fachtag der Kinder und Jugendpsychiatrie 2026

Der Fachtag zur Schematherapie bot spannende Einblicke, lebendigen Austausch und wertvolle Impulse für die Praxis. 

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Save the date | 04.11.2026

Der nächste Fachtag findet in der Gezeiten Haus Klinik Bonn am 04.11.2026 unter dem Titel „3000 Jahre mentale Gesundheit – was bleibt, was kommt?“ statt. Alle Abonennt:innen unseres Newsletters für Einweisende erhalten die Einladung in den nächsten Wochen exklusiv.

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