"Die dunkle Seite" -Traumafachtag

Über verdrängte Gefühle 

Unter dem Titel "Die dunkle Seite – Schuld, Scham, Verachtung und Scheitern in Gesellschaft und Psychotherapie" hat die Traumaklinik in diesem Jahr ein Thema für ihren Fachtag aufgegriffen, das besonders in Zeiten von Corona, der Flutkatastrophe 2021 und dem Krieg in der Ukraine aktueller nicht sein könnte. 

Nach der langen Corona-Pause war die Freude über eine Veranstaltung in Präsenz unter den knapp 70 Teilnehmern groß.  „Ich empfinde es als sehr wertvoll, wieder in den persönlichen Austausch gehen zu können und sich mit den Kolleginnen und Kollegen zusammenzufinden“, schilderte eine Teilnehmerin und sprach damit wohl vielen aus der Seele. In den Pausen nutzen die Teilnehmer und Referenten bei bestem Wetter und leckeren Kuchen und Canapés draußen die Zeit für Fachgespräche und zum Netzwerken.

 

Verdrängte Gefühle in der Psychotherapie

Ein inhaltlicher Schwerpunkt der Veranstaltung lag auf dem Gefühl der Scham – ein Gefühl, das neben Wut, Trauer, Freude, Angst oder Liebe in der Psychotherapie bislang vergleichsweise wenig Raum einnimmt. „Das liegt auch daran, dass Scham zwar ein sehr wichtiges, aber zugleich unangenehmes Gefühl ist, das gerne verschleiert wird“, erläutert Dr. Susanne Altmeyer, Chefärztin der Traumaklinik im Gezeiten Haus Schloss Eichholz. „Uns war es wichtig, Gefühle in den Mittelpunkt zu rücken, die sonst eher verdrängt werden – die ‚dunkle Seite’ also, das, was wir eher als schwierig empfinden. Die Psychotherapie ist ein Ort, an dem sich um derartige Gefühle und deren Störung intensiv gekümmert wird.“  Im Gezeiten Haus wird ein solcher geschützter Raum geschaffen, in dem Vertrauen erwachsen kann.  Der Behandlungsansatz ist dabei, behutsam, wertschätzend und würdebewahrend mit den Themen umzugehen und den Patienten auf Augenhöhe zu begegnen.

Auch wenn ein traumatisches Ereignis nicht rückgängig gemacht werden kann, hilft eine gezielte Traumatherapie dabei, die Vergangenheit zu verarbeiten und die Emotionen wieder in Balance zu bringen. Dabei taucht der Aspekt der Scham vor allem bei Opfern von Gewalttaten oder sexuellem Missbrauch auf, besonders wenn es um Kinder geht. Hier benutzen die Täter Scham häufig als Macht- und Kontrollinstrument, beispielsweise indem sie dem Kind suggerieren, dass es selbst schuld sei, wenn der Täter sich an ihm vergreife. Die Folge ist, dass das Kind sich tatsächlich schuldig fühlt. Wird es später erwachsen, bleibt oft das Gefühl, mit ihm sei grundsätzlich etwas nicht in Ordnung.

Die Rolle der Scham in der Traumatherapie

Die Trauma- und EMDR-Therapeutin Dr. Ayse Bombaci arbeitet seit Jahren zum Thema Bindungsstörungen und frühe Traumatisierungen. Sie beschäftigt sich mit Vertrauensbildung und Misstrauen bei Menschen, die in ihren ersten Lebensjahren traumatisierende Erfahrungen gemacht haben, zum Beispiel durch Missbrauch. Ihrer Ansicht nach ist es enorm wichtig, in der Traumatherapie mit einem bindungsorientierten Ansatz die unausgesprochene Scham zu erkennen und ihre destruktive Macht durch eine feinfühlige und mitfühlende therapeutische Beziehung zu entkräften. „Wenn diese bindungstraumatisierten Kinder 30 Jahre später als Erwachsene in die Psychotherapie kommen, haben sie meist keinen Zugang zu ihren Gefühlen und idealisieren in manchen Fällen sogar ihre Eltern. Sie sind im Alltag hoch funktional, leiden jedoch nicht selten unter Sucht, Depressionen und Ängsten und wissen oft gar nicht, wo das tiefe Gefühl von Wertlosigkeit herkommt. Für viele ist es eine ‚bessere Lösung’, sich im Schamgefühl gefangen zu halten, als sich mit der eigenen Ohnmacht, Einsamkeit und Hilflosigkeit zu konfrontieren,“ erklärt sie.

Ayse Bombaci glaubt, dass es letztlich immer darum geht, das, was im Kindesalter verpasst worden ist, nachzuholen, ganz nach dem optimistischen Leitmotiv: „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“. Im Rahmen des Fachtags stellte sie einen therapeutischen Ansatz zur Behandlung von Bindungsproblemen im Erwachsenenalter mit der EMDR-Methode vor, an dessen Ausgestaltung sie maßgeblich beteiligt war. EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing und heißt übersetzt Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung.  

Die gesellschaftliche Dimension

Dr. Michael Schonnebeck, leitender Arzt in der Tagesklinik am Hansaring in Köln, ging in seinem Vortrag der Frage nach, welchen Stellenwert Scham und Verachtung im menschlichen Zusammenleben haben und wie sich das Verständnis von Scham im Laufe der Zeit verändert hat.  „Meine These ist, dass Scham vor allem ein gruppenregulativer Affekt ist“, sagt Schonnebeck. Letztlich definiere die Gruppe, für was wir uns schämen und was wir als Fehlverhalten empfinden. Das sei ein Grund, warum Scham immer noch als bedrohlich wahrgenommen werde und ein Gefühl des Ausgestoßenseins hervorrufe. Hinzu komme, dass gerade bei sexuellem Missbrauch oft eine Täter-Opfer-Umkehr hinsichtlich der Beschämung stattfinde. „Häufig erleben wir, dass die Opfer sich schämen, wo sich eigentlich die Täter schämen müssten. Genau hier beginnt die Scham-Verachtungs-Kaskade, da die relevante Schutzperson nicht in der Lage ist, sich mit ausreichend Emphase, Empörung und Verachtung vor ihr Kind zu stellen“, so Michael Schonnebeck.

Von sozialen Brennpunkten und Musik

Um gesellschaftliche und soziale Aspekte ging es auch bei Prof. Dr. Peer Abilgaard, Chefarzt für Seelische Gesundheit und Präventivmedizin am Evangelischen Klinikum Gelsenkirchen. Unter dem Titel „Verachtung, Scheitern, Schuld und Schulden“ schilderte er, was sich aus der psychotherapeutischen Arbeit in sozialen Brennpunkten ableiten lasse. Dabei habe er es meist mit schweren seelischen Krisen zu tun, die immer auch eine soziale Dimension aufweisen. Daher sei es wichtig, in der psychotherapeutischen Arbeit die jeweiligen Rahmenbedingungen als etwas, das Menschen am Gesundwerden hindere, einzubeziehen. Abilgaard fordert: „Wir als Psychotherapeuten sollten uns nicht damit zufriedengeben, bei unseren Patienten ausschließlich die Zweierbegegnung im Fokus zu haben, sondern auch die traumatogenen gesamtgesellschaftlichen Zustände benennen. Als Beispiel nannte er die Entwürdigung, die mit dem Problem Schulden einhergehe.

Eine wichtige Rolle in Abilgaards Vortrag spielte die Musik. Der Mediziner ist zugleich auch Gesangs- und Instrumentalpädagoge sowie Professor für Musikermedizin an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln. Er ist überzeugt, dass Kunst und insbesondere Musik eine wichtige Form der Therapie sein können, vor allem bei Menschen, die ihre Situation aufgrund von deren Schwere nicht versprachlichen können.

Zwei Konzertpianistinnen boten den Teilnehmern sowohl im Rahmen des Vortrags als auch in einem anschließenden musikalischen Intermezzo ein imposantes Konzerterlebnis. 

Der Fachtag klang beim einem Imbiss und mit einen durchweg positiven Fazit der Teilnehmer aus. „Das Besondere an Gezeiten Haus-Veranstaltungen sind für mich gutes Essen, total nette Kolleginnen und Kollegen und natürlich ganz spannende Beiträge. Ich bin sehr gerne hier, weil mich das Konzept und das tolle Ambiente absolut überzeugen,“ resümierte eine Teilnehmerin.

Auch 2023 wird es wieder einen Traumafachtag im Gezeiten Haus Schloss Eichholz geben.

Bild links: Prof. Peer Abilgaard, Dr. Susanne Altmeyer, Dr. Ayse Bombaci, Dr. Michael Schonnebeck (v.l.n.r.)

Bild oben: Rund 70 Ärztinnen und Therapeuten haben den Traumafachtag besucht.

Bild unten: Die beiden Konzertpianistinnen Austėja Valušytė und Emilija Šukytė

© Manfred Kasper/ Gezeiten Haus