Essstörungen – eine Erkrankung mit tiefen Ursachen

Obwohl sich die Tendenz zu einem ungesunden Essverhalten häufig bereits in der Pubertät abzeichnet, sind nicht nur junge Menschen von Essstörungen betroffen. Auch Erwachsene können unter Magersucht (Anorexia nervosa), Bulimie (Bulimia nervosa), der Binge-Eating-Störung oder unter starkem Übergewicht (Adipositas) durch ein ungesundes Ernährungsverhalten leiden.

Was häufig lediglich mit einer Phase beginnt, kann sich unter bestimmten Lebensumständen so verselbstständigen, dass der schädliche Umgang mit Nahrung ernsthafte Folgen für den Körper und die Psyche mit sich bringt. Und Essstörungen entwickeln sich nicht über Nacht – der Übergang von einem phasenweise veränderten Essverhalten zu einer ernsten Essstörung, die sich nicht mehr kontrollieren lässt, ist schleichend und kann sich über viele Jahre entwickeln. Langfristig brauchen Betroffene professionelle Hilfe und Unterstützung, denn nicht nur der Körper ist krank – auch die Psyche.

Die Betroffenen leiden sehr darunter, unentwegt Kalorien zu zählen, vermeintlichen Versuchungen zu wiederstehen, den Körper zu bewerten oder zu kontrollieren. Die Scham wächst, das Selbstwertgefühl sinkt und es wird immer schwieriger, natürliche Körpersignale wie Hunger und Sättigung wahrzunehmen. Für alle Essstörungen gilt: Je früher sich für eine professionelle Therapie entschieden wird, desto vielversprechender sind die Heilungschancen. Dabei gilt es, sich nicht nur auf die Symptome und das Essverhalten zu konzentrieren, sondern die tieferliegenden Ursachen ausfindig zu machen und diese während der Therapie aufzuarbeiten.

Essen als Ventil für Gefühle

Wieso es zu einem dauerhaft ungesunden Essverhalten kommt, hat individuelle Gründe. Es gibt nicht nur den „einen“ Auslöser. Vielmehr ist es ein komplexes Ursachengeflecht, das zum Ausbruch der Erkrankung führt.

Ob Magersucht, Binge-Eating oder Bulimie: Hinter Essstörungen verbergen sich in der Regel psychische Probleme. Häufig können Rückschlüsse zu problematischen innerfamiliären Dynamiken in der Kindheit gezogen werden, die sich störend auf die gesunde Entwicklung des Selbstwertgefühls ausgewirkt haben. Vor allem konfliktbehaftete Erfahrungen und Vernachlässigung, aber auch Überbehütung können junge Menschen stark in ihrer eigenen Persönlichkeitsentwicklung einschränken.

Fehlen auch im Erwachsenenalter gesunde Bewältigungsstrategien, um mit Konflikten und Emotionen umzugehen, kann sich ein Essverhalten einschleichen, mit dem versucht wird, negative Gefühle durch die Art und Weise der Nahrungsaufnahme zu regulieren. Das Zusammentreffen verschiedener Ursachen kann eine Essstörung bei Erwachsenen begünstigen:

Biologische Ursachen:

  • Genetisch bedingtes Normalgewicht
  • Ungleichgewicht der Hormone

Psychische Faktoren:

  • Geringes Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein
  • Perfektionistischer Anspruch
  • Leistungsorientierung
  • Kontrollbedürfnis
  • Traumatische Erlebnisse (beispielsweise Trennung der Eltern, Emotionale Vernachlässigung, Mobbing)

Soziokulturelle Einflüsse:

  • Schönheitsideale in den Medien
  • Gesellschaftliche Anerkennung

Symptome einer Essstörung

Zwar kann die Figur ein erstes sichtbares Anzeichen auf ein gestörtes Essverhalten sein, doch nicht jede Essstörung zeigt sich rein über den Körperumfang. Betroffenen einer Bulimie sieht man die Erkrankung sogar oft äußerlich nicht an.

Eine dauerhafte Fehlversorgung mit Nahrung beeinflusst das gesamte System des Körpers. Unabhängig davon, ob es sich um ein Essverhalten handelt, dass zu Übergewicht führt oder um eine Essstörung wie beispielsweise der Magersucht. In schweren Fällen einer Über- oder Unterversorgung mit Nährstoffen sind vor allem das Herz-Kreislaufsystem und die Funktionsfähigkeit der Organe betroffen, was sich meistens durch Symptome wie Erschöpfung, Müdigkeit und Trägheit bemerkbar macht.

Die innerpsychische Spirale aus Angst, Scham, Ekel und Schuldgefühlen erhöht den Leidensdruck zusätzlich und macht es Betroffenen ohne professionelle Hilfe und verständnisvolle Unterstützung, unmöglich den Kreislauf langfristig zu durchbrechen.

Psychische Symptome bei Essstörungen

  • Ablehnen des eigenen Körpers
  • Angst vor Gewichtsabnahme und Zunahme
  • Gefühle von Scham, Ekel, Schuld und Hass
  • Fokussierung auf Körper und Essen
  • Sozialer Rückzug
  • Depressionen und andere psychische Erkrankungen

 

Körperliche Symptome bei Essstörungen

  • Gewichtsverlust- oder Zunahme
  • Erschöpfung oder Überaktivität
  • Veränderung von Haut und Haaren
  • Herz-Kreislauf-Beschwerden
  • Schwindel
  • Erhöhtes Kälteempfinden
  • Veränderungen im Blutbild
  • Veränderte Menstruation
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Erhöhte Anfälligkeit für Infekte

Unterschiedliche Formen von Essstörungen

Auch wenn Adipositas nicht als Essstörung deklariert ist, sondern den Zustand eines starken Übergewichts beschreibt, ist es die am häufigsten vorkommende Form eines ungesunden Essverhaltens. Das Risiko für Folgeerkrankungen auf körperlicher und psychischer Ebene ist deutlich erhöht. Eine Wechselwirkung zwischen starkem Übergewicht und Depressionen wird sehr oft beobachtet.

Die Binge-Eating-Störung, die Bulimie und die Magersucht sind nach Adipositas die verbreitetsten Essstörungen. Auch Mischformen aus mehreren Essstörungen kommen gehäuft vor.

Essstörungen bei Frauen und Männern

Mädchen und Frauen sind wesentlich häufiger von Essstörungen betroffen als Jungen und Männer. Trotzdem sind Magersucht, Bulimie und Bing-Eating keine reinen „Frauenkrankheiten“ – auch Männer können betroffen sein. Von 100 an Magersucht Erkrankten sind 8% Männer (Quelle: https://www.aerzteblatt.de/archiv/195309/Essstoerungen-bei-Maennern-Nicht-nur-eine-Frauenkrankheit.) Beim Binge-Eating-Syndrom wird sogar ein Männeranteil von 20% beobachtet. Exzessives Kraft- und Ausdauertraining und eine auf den Sport ausgerichtete spezielle Ernährung steht häufig in Zusammenhang mit einer Essstörung bei Männern.

 

Therapie bei Essstörungen

Wenn der Umgang mit Essen aus dem Gleichgewicht geraten ist, ist es vor allem wichtig, die ursprünglichen psychischen Belastungen zu erkennen, die der Essstörung zugrunde liegen. Psychotherapie im Einzel- und Gruppensetting ist daher ein wichtiger Bestandteil in unseren psychosomatischen Fachkliniken. Gemeinsam mit unseren Ärzten und Therapeuten betrachten und bearbeiten Sie die Ursachen der Essstörung, lernen sich und ihren Körper anzunehmen und neue Bewältigungsstrategien zum Umgang mit Emotionen kennen. Mit körper- und achtsamkeitsbasierten Methoden kommen Sie wieder in Kontakt zu Ihrem Körper und seinen natürlichen Grundbedürfnissen, üben sich in bewusster Wahrnehmung und einem achtsamen Umgang mit sich. Gemeinsam entwickeln wir ein Ernährungskonzept, das Sie wieder zurück zu einem gesunden Essverhalten führt.

Unsere Fachkliniken in denen wir Essstörungen behandeln